Buch der Stunde

Was Mode heute ist, zeigt sich an Barack &Michelle

KIRSTIN BREITENFELLNER | FEUILLETON | aus FALTER 45/13 vom 06.11.2013

Früher waren die Männer das schöne, erotisierte Geschlecht. Sie schminkten und schmückten sich, trugen Schuhe mit Absatz, die Waden zur Geltung bringende Kniebundhosen. Mit per Schamkapsel herausgearbeitetem Geschlecht fochten Adelige einen im Wortsinn beinharten Wettbewerb aus. Erst mit der bürgerlichen Revolution wurde der Körper des Mannes im Anzug uniformiert. Seitdem gilt das Paradigma "Frauen erscheinen, Männer sind". Bis heute dient weibliche Mode dazu, körperliche Reize herauszustreichen und die Individualität ihrer Trägerin zum Ausdruck zu bringen, während die männliche Mode nicht einmal diesen Namen verdient. Menswear lautet der passende Begriff für diese hinter ihrer Funktionalität verschwindende Kleidung. Barack und Michelle Obama führen es in Reinform vor: er ganz elegante Uniformität, sie kunstvoller Individualismus.

"Die Mode der Moderne ist das Resultat des Zusammenbruchs einer kosmischen Ordnung", behauptet die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken und meint damit nicht nur die Ständegesellschaft, sondern auch die Geschlechterhierarchie. Ihr Buch "Angezogen" versucht nicht nur, diesen Umbruch seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nachzuzeichnen, sondern auch der Faszination der Mode auf die Schliche zu kommen.

Dazu ruft sie stilprägende Figuren wie Marie Antoinette und Philippe d'Orleans auf, der als Sansculotte mit langen Beinkleidern und kurzen Haaren als Vorläufer der Männermode der Moderne gelten kann. Den theoretischen Hintergrund liefern Hegel, Nietzsche, Rousseau und Baudelaire, Simmel und Bourdieu -allerdings ohne dass sich Vinken zu einer stringenten Interpretationslinie durchzuringen vermag. Am besten wird ihre eigene Leidenschaft für Mode bei der Interpretation von Haute-Couture-Kollektionen seit den 1980er-Jahren spürbar: von der revolutionären (Anti-)Ästhetik des japanischen Trios Miyake, Comme des Garçons und Yamamoto über das Memento mori der Kollektionen von Alexander McQueen bis zum Dekonstruktivismus des Maison Martin Margiela.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige