"Sauberkeit ist relativ"

Der Liedermacher Georg Ringsgwandl über Rauchverbote und Beziehungsprobleme

Lexikon | INTERVIEW: WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 45/13 vom 06.11.2013

Georg Ringsgwandl aus Bad Reichenhall betrat die Szene vor 30 Jahren als Oberarzt, der tagsüber am offenen Herzen operierte und nachts grell geschminkt den Punk-Kabarettisten gab. Vor 20 Jahren hat er den Arztkittel ganz ausgezogen, und der schrille Kleinkunstanarchist entwickelte sich zu einem reifen Songwriter.

Falter: Ihr neues Album heißt "Mehr Glanz!". Aber stehen Sie dem Glanz nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber?

Georg Ringsgwandl: Das ist natürlich eine ironisch gefärbte Forderung. Diese ganze Bevölkerung, die ohnehin ständig wienert und putzt und poliert, soll das noch ein bissl genauer machen. Es ist noch immer nicht ganz sauber!

Ist Ihre Küche sauber?

Ringsgwandl: Ja, aber Sauberkeit ist relativ. Meine Großmutter ist noch in einer Küche aufgewachsen, wo die Hennen herummarschiert sind. Eine saubere Küche hieß damals, dass du mit einem Strohbesen den Hühnerdreck rausgekehrt hast. Heutzutage gibt's Leut', die putzen die Küche, und dann desinfizieren sie sie noch mit Sagrotan. Und dann gehen sie wegen Sexualproblemen zum Psychotherapeuten.

In dem Song "Wärmetod" geht es um die Tendenz, das Leben immer sicherer zu machen -auch um den Preis, dass es dann gar kein Leben mehr ist.

Ringsgwandl: Es ist ein Dilemma. 1850 hat's eine Säuglingssterblichkeit von 30 Prozent gegeben, und mit fünf Jahren sind noch einmal ein Drittel der Kinder gestorben. Das kannst du natürlich nicht so lassen! Also hat sich die Medizin entwickelt. Die Existenz wird immer sicherer und in vielen Punkten auch menschlicher. Aber irgendwann verschwindet das eigentliche Leben, das man ja schützen wollte.

Inwiefern leben Sie gesund? Essen Sie hin und wieder einen Schweinsbraten?

Ringsgwandl: Wenn er wirklich gut ist, dann esse ich ein Stückerl. Aber ich hab nicht so einen Spaß daran. Es gibt Leute, die freuen sich schon den ganzen Vormittag auf ihren Schweinsbraten. Die genießen das richtig. Das ist dann auch gut so, wunderbar.

Hat der Mensch ein Recht darauf, ungesund zu leben?

Ringswandl: Natürlich. Letztes Jahr ist ein Freund von mir gestorben, den ich vor 30 Jahren an der Uniklinik kennengelernt hab. Der hat sein ganzes Leben lang Gauloises ohne Filter geraucht, und jetzt ist er an einem Lungenkrebs gestorben. Der hat gewusst, was er tut, das war sein Recht! Es muss jeder so leben, wie er sich wohlfühlt. Wir haben in Bayern so einen Missionar, der dafür gesorgt hat, dass man nirgends mehr rauchen darf. Eigentlich darf man in Bayern nicht einmal mehr an Rauchen denken! Ich selbst habe nie geraucht, aber das finde ich falsch. Ich glaube, dass so was direkt in den Faschismus führt. Eine drogenfreie Gesellschaft kann niemand wollen, das ist ungesund.

Auch auf dem neuen Album gibt es Songs über eines Ihrer Lieblingsthemen: Beziehungen, die eigentlich gar nicht funktionieren dürften. Aber irgendwie funktionieren sie ja doch, oder?

Ringsgwandl: Es gibt Phasen im Leben, wo man mit einer Frau glücklich ist, ja. Von dieser Sehnsucht lebt eine ganze Industrie -schon seit längerer Zeit. Karl Valentin hat einmal gesagt: "Es ist alles gesagt, nur noch nicht von allen." Dieser Satz erzieht den Künstler zur Demut. Über Beziehungen ist alles gesagt, trotzdem muss immer wieder darüber geschrieben werden. Jeder erlebt es ein bissl anders.

Hören Sie sich privat gern Beziehungsgeschichten an?

Ringsgwandl: Beschränkt. Es fängt an mich zu langweilen, sobald ich merke, dass sich da jemand übermäßig mit sich selber beschäftigt. Spätestens nach sechs, sieben Minuten sollte der anständige Mensch da in berstendes Gelächter ausbrechen - und zwar über sich selber.

Sie scheinen die Welt überhaupt gelassener zu sehen als früher.

Ringsgwandl: Früher habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, mit der Axt irgendwo reinzuhauen, das muss ich schon zugeben. Ich hab zum Beispiel eine Nummer geschrieben über einen Typen, der zu fett ist - das war eine gute Nummer, da war immer eine Mordsgaudi in der Hütte. Trotzdem würde ich das heute nimmer so machen, weil es manche Leut' verletzt hat.

Sie werden bald 65. Sind Sie dann pensionsberechtigt?

Ringsgwandl: Nein, aber Ruhestand ist was für Leute, die einen Job haben, der mehr Arbeit als Vergnügen ist. In einem künstlerischen Beruf machst du ja die ganze Zeit das, was du willst. Und du willst das so lange machen, solange es noch jemanden interessiert.

Museumsquartier, Halle E, Sa 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige