Mediaforschung Verführungskolumne

Warum lassen Sie den Gipfel der Zugspitze stehlen, Herr Perry?

WOLFGANG ZWANDER | MEDIEN | aus FALTER 45/13 vom 06.11.2013

Es bietet sich bei Reklame an, mit Reizthemen zu spielen; wie etwa mit der Beziehung zwischen Österreich und Deutschland. Die beiden Länder haben eine lange gemeinsame Vergangenheit, aber Österreich ist Deutschland mittlerweile unterlegen, machtmäßig, im Fußball, und allein schon von der Größe her. Das kann (und will) der Österreicher dem Deutschen nicht verzeihen.

Wir Alpenrepublikaner können uns, frei nach dem rot-weiß-roten Nationalpsychiater Erwin Ringel, jedoch damit trösten, dass wir eine bessere Einsicht in die Sinnlosigkeit des Lebens haben. Nachsatz: Dieser Vorteil werde allerdings dadurch verspielt, dass wir ihn ständig als Vorwand für charakterloses Verhalten missbrauchen würden. Diese landespsychologische Einführung ist nötig, um die Aufregung um folgende Werbung zu verstehen. Vor wenigen Tagen tauchte ein Video im Internet auf, in dem drei "Ösis" die Zugspitze, den höchsten Berg Deutschlands, enthaupten. Die Spitze des Gipfels wird abgemeißelt und nach Österreich entführt.

Die deutschen Medien trauten dem hinterhältigen Bergvolk ihres kleinen Nachbarlandes diesen Diebstahl absolut zu und titelten von RTL abwärts mit bundesdeutschem Ernst: "Ösis klauen unsere Zugspitze". Sogar die Polizei begann zu ermitteln.

Mittlerweile ist klar: Das Video war eine Idee der Werber von Ogilvy &Mather, um Aufmerksamkeit auf die Wiener Modellbaumesse zu lenken. Modellbaumesse-Pressesprecher Oliver-John Perry sagt nun: "Wir wollten niemanden beleidigen."


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