Samtalarm! Das Grazer Schauspielhaus macht jetzt Cabaret

THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | STEIERMARK | aus FALTER 45/13 vom 06.11.2013

Samtvorhänge, Glitzerlicht und Erotik, nostalgischer Jazz: Mit "Cabaret" findet die Theaterwelt zu sich -oder besser: zu einer jener Vorstellungen, die sie abseits der Vorstellungen evoziert. Bei Regisseur Ingo Berk ist das Stück in besten Händen. Gut, es ist riskant, mit einem reinen Schauspielerensemble Musical zu machen, noch dazu ein so bekanntes. Mit der musikalischen Laienhaftigkeit hätte die Regie umgehen können. Berk hat sich entschlossen, sie einfach zu ignorieren. Und großes Kino erdacht.

Gemeinsam mit seinem kongenialen Bühnenbildner Damian Hitz und Musikchef Patrik Zeller zaubert er wunderschöne, atmosphärisch starke Momente auf die Bühne. Da ist der Charme der frühen 1930er, da ist die halbdunkle Endzeitstimmung einer überdrehten Welt, die die Nacht feiert, weil sie lieber nicht an morgen denkt. Sacht ironisch, selten brachial übersetzt er Broadway-Klischees in zeitlose Schönheit, lädt dazu ein, sich ins rote Plüsch der Sessel zurückzulehnen und zu staunen: wie sich Conférencier Christoph Rothenbuchner und das Ensemble ins Zeug legen, wie sich eine wunderbare Pia Luise Händler als Varieté-Sternchen durch den Abend trällert und Julius Feldmeier als glaubwürdig verwirrter Berlin-Gast seine Locken zerzaust.

Die drohende Katastrophe der Nazizeit ist in "Cabaret" vor allem Stimmungselement, Berk verleiht diesem mit dem HJ-Auftritt eines Grazer Kapellknaben äußerste Eindringlichkeit. Und ja, kann sein, dass es irgendwie geschmacklos ist, eine große blonde und außerdem schwangere Schauspielerin als hoffnungsvolle Nazibraut zu besetzen -aber Evi Kehrstephan ist einfach gut.

Schauspielhaus Graz, Fr, Di 19.30


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