Theater Kritik

Shakespeare mit Tourette-Syndrom

MARTIN LHOTZKY | Lexikon | aus FALTER 45/13 vom 06.11.2013

Vor kurzem hat man noch gemeinsam König Richard in den dauernden Ruhestand versetzt, nun streitet man untereinander: York gegen Northumberland gegen König Heinrich, mal mit, mal gegen die Schotten und Waliser. Immer herrscht Krieg in Shakespeares Königsdramen. Nach dem famosen "Richard 2" (2010) nimmt sich Gernot Plass im Tag nun mit "Heinrich 4 -Jetzt retten wir mal Jesus" der zweiteiligen Historie um Heinrich IV an.

Die drei Protagonisten sind: der König (Horst Heiss), der gleichnamige Kronprinz (Raphael Nicholas) und der liederliche "Ritter" John (hier: Jack) Falstaff (Georg Schubert). Im variablen, düsteren, an kahle Betonbunker und Panzersperren erinnernden Bühnenbild (Alexandra Burgstaller) wird in knapp unter drei Stunden die Geschichte der Entwicklung des Thronfolgers vom Tunichtgut und Gangster zum kriegerischen Herrscher, der die früheren Freunde verleugnet oder gar verbannt, wie es dem Säufer Falstaff damit ergeht und warum der alternde König doch nicht mehr ins Heilige Land zum Kreuzzug aufbricht, nicht etwa erzählt, nein, erneut in Blankversen, aber in moderner Sprache nachgedichtet.

Das könnte wieder ganz großartig sein, hätte Plass es diesmal mit den Kraftausdrücken nicht übertrieben. Schon bald gibt man das Mitzählen auf, so häufig und schnell kommen dem ziemlich tollen, in jeweils mindestens zwei Rollen agierenden Ensemble Fäkalwörter über die Lippen. Nötig ist das nicht wirklich, die Klassikerbearbeitung hätte auch ohne sie allerhand zu bieten. So bleibt trotz großartiger, auch brüllend komischer Leistung der Schauspieler eher die Erinnerung an einen Abend im Tourette-Syndrom-Pavillon, Abteilung Koprolalie. Eine Strichfassung mit bloß der Hälfte der Obszönitäten wäre eine echte Empfehlung.


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