Enthusiasmuskolumne  Diesmal: das schönste Heimweh der Welt der Woche

Verlangen nach Regen und Bäumen

Feuilleton | aus FALTER 46/13 vom 13.11.2013

Jeder, der seine sieben Zwetschken beinand hat, weiß, dass uns das Vereinigte Königreich nicht nur die Musik der Kinks und der Beatles, sondern auch die von Robert Wyatt geschenkt hat. Der war als Schlagzeuger von Soft Machine kurz einmal ein bisschen ein Popstar, ehe er 1973 eine Party heftig betrunken aus dem Fenster des vierten Stockes verließ und von da an hüftabwärts gelähmt war.

Ein Rockdrummer im Rollstuhl ist kein zukunftsträchtiges Modell, und Wyatt nutzte den dramatischen Einschnitt, um aus dem ihm verhassten Tourleben auszusteigen und als Eigenbrötler an jenen herzergreifenden Songs zu feilen, die ihm von seinen jazzprogrockigen Soft-Machine-Kollegen ausgetrieben worden waren.

Ein letztes Mal war seine Stimme als Sänger von Soft Machine auf dem Doppelalbum "Third“ erklungen. Dessen Seite drei wird zur Gänze von "Moon in June“ bestritten, in dem Wyatt seine Erfahrungen verarbeitet, die er machte, als er 1968 mit Soft Machine als Vorgruppe von Jimi Hendrix durch die USA tingelte und von heftigem Heimweh erfasst wurde: "Living can be lovely, here in New York state“, singt Wyatt. Er aber vermisse die Bäume und den Regen der Heimat und wolle "home again, home again“.

Man muss gewiss nicht jeden Tonbandschnipsel, der aus den Archiven apert, auf den Markt werfen, aber die vier unveröffentlichten Stücke auf "68“ (Cuneiform Records) sind nichts weniger als auf CD gebranntes Glück. Wyatt wird von Jimi Hendrix, Hugh Hopper und Mike Ratledge unterstützt, er glänzt mit dem dadaistischen "Rivmic Melody“, das dem Beginn des Soft-Machine-Albums "Two“ entspricht, und einer (auch klangtechnisch tadellosen) Version von "Moon in June“, von der man hoffte, sie würde zwei Stunden und nicht bloß 20 Minuten dauern. Finally: home again!

KLAUS NÜCHTERN


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