Weniger ist mehr: das Meer, der Matrose, sein Mädchen und der Wind

Feuilleton | Horchposten: Klaus Nüchtern | aus FALTER 46/13 vom 13.11.2013

Der Moment, in dem sich Martin Scorsese erkundigte, ob sie überhaupt noch lebe, sei wohl der Höhepunkt ihres Ruhms gewesen, merkte Linda Thompson unlängst sarkastisch an. In Scorseses "Gangs of New York“ hat sie den Titelsong ihres jüngsten Albums schon einmal gesungen, heute ist ihr gut angewitterter Alt, der hier von Gitarre, Mandoline und Banjo fast gutgelaunt umspielt wird, noch um ein paar Risse im Vibrato überzeugender: "And we think we got so much time / But it’s gone in the blink of an eye“. Das bringt es - in zwei Minuten 36 - auf den Punkt: Zum Zeitverscheißen haben wir hier keine Zeit.

Spaßig findet Thompson ihr Alter nicht, aber wir dürfen sie - begleitet auch von Exmann Richard - uns nicht als unglückliche Frau vorstellen. Folk transzendiert das bloß Persönliche. Nicht die Sängerin, die Songs sind nah am Wasser gebaut - buchstäblich, denn das Meer spielt eine zentrale Rolle. In dem grandiosen, möwenflugflott dahinsegelnden "Never Put to Sea Boys“ etwa, in dem sich ein alter Mann an die Schrecken der See erinnert und sich doch aufs Meer zurücksehnt und der gespenstisch suggestiv pochende Groove die Worte verdoppelt und -dreifacht. Hammersong!

Das Meer, der Matrose, sein Mädchen und der Wind - mehr braucht’s für Thompson und Ron Sexsmith nicht, um dem "Wenn ich ein Vöglein wär“-Topos neues Leben einzuhauchen. Ergebnis: der Walzer "If I Were a Bluebird“, zum Weinen schön nicht zuletzt wegen David Mansfields exquisit glissandierender Weissenborn-Gitarre.

Und jetzt nimmt das Album wirklich Fahrt auf, wird zum Familienfest: Anna McGarrigle steuert "As Fast as My Feet“ bei, einen countryesk durchglosten Feel-good-Song mit nicht weniger als drei Generationen und fünf Köpfen Thompsons (Leadgesang: Kami) in gottgefälligem Harmoniegesang: Crosby, Stills, Nash and Young - here we come, here we come! F


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