Doris Knecht  Selbstversuch

Ja schon, aber es regnet doch!

Kolumnen | aus FALTER 46/13 vom 13.11.2013

Die Horwathin hat unlängst nach dem Yoga beklagt, dass sie, wenn sie jetzt in den Spiegel schaut, immer öfter ihre Mutter darin sieht. Erschreckend, sagte die Horwathin. Na ja, sagte ich, nicht ganz so erschreckend, wie wenn du in den Spiegel blickst und dein Vater schaut heraus; frag mich.

So gesehen ist es beruhigend, wenn man sich plötzlich und mit ein paar Abstrichen immer mehr im Lebensstil der Mutter wiederfindet, der erheblich gesünder ist als der des Vaters: nicht rauchen, nicht trinken, früh aufstehen, regelmäßig essen, viel Tee trinken und nie still sitzen. Früher konnte ich viel besser still sitzen. Ich konnte ganz ausgezeichnet still sitzen, endlos. Ich kann es dank der erwählten Erwerbsarbeit und einer allmählich beunruhigenden Internetsucht immer noch viel, viel besser als meine Mutter, aber es lässt sich immer weniger verleugnen, dass das xibergerianische Genmaterial, von dem man glaubte, dass man es mit Unmengen an Wiener Scheißdrauf final infiziert, versaut und schließlich ausgerottet hat, sich nur in eine gut verborgene Schlafecke zurückgezogen hatte und dort ein langes Nickerchen hielt. Und jetzt wacht es allmählich auf und macht, dass man nicht mehr wie früher eine Arbeit sehen und ohne die kleinste innere Regung wieder wegschauen kann. Oder tagelang über die siffige Kinderhose im Flur einfach drübersteigen, mit der Gewissheit im Herzen, dass irgendwer anderer sie irgendwann schon aufheben wird, und wenn nicht, auch komplett wurscht.

Nun liegt das Gwand, das die Mimis in Massen zwischen Waldviertel und Wien hin und her schleppen, zwar immer noch ewig in den und außerhalb der Taschen im Flur. Aber jetzt macht der Anblick unrund, und das Unwohl wird schließlich so unerträglich, dass man sich erhebt und die Textilmassen in die Schränke schaufelt, und weil immer genau in der Sekunde, in der man das macht, ein Mimi oder ein Langer woanders etwas fallen lässt, tut man das quasi ohne Unterlass, und wenn dann, nachdem man sich gebückt hat, der Blick zufällig den Badezimmerspiegel streift: typisch die Mutter. Worüber man, im Unterschied zur Horwathin, eher erleichtert als schockiert ist, weil eben: besser als der Vater.

Deshalb fügt man sich auch resigniert seinem Schicksal, wenn der Lange am letzten langen Herbstwochenende auf dem Land das Laubrechen Tag für Tag auf morgen verschiebt, bis Sonntag, von dem er dank moderner Meteorologietechnik schon am Mittwoch wusste, dass es regnen würde. Am Sonntag erklärt er, dass es bitte regne, das nasse Laub sei zum Zusammenrechen viel zu schwer. Ich: Vergiss es, ich mach’s. Der Lange: Na dann, viel Spaß.

Und die Sache ist: Es macht einem eigentlich nichts aus. Man ärgert sich mehr aus Gründen der Folklore, weil es sich so gehört. Man tut es eigentlich eh gern, vor allem, weil es so ein unmittelbares Ergebnis zeitigt: Kreislaufanschub, Laubhaufen, Gras, das nicht ersticken wird. Und einen Langen, der dann doch irgendwann mit der Scheibtruhe daherkommt, maulend: Du wirst immer mehr wie deine Mutter … Stimmt. F


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