Tiere

Postkasten

Falters Zoo | aus FALTER 46/13 vom 13.11.2013

In der Zielgeraden selbstreferentieller Betrachtungen darf der Leserbrief nicht fehlen. Diese Literaturform ist in der freien Wildbahn praktisch ausgestorben und darf nicht mit ihrem aggressiven Verwandten, dem Posting in Webforen, verwechselt werden.

Deswegen gibt es nicht nur für Haustiere, sondern auch für Leserbriefe Rassestandards, die Phänotyp (äußere Form) und Genotyp (Erbbild) des idealen Vertreters festlegen. Verwaltet wird dieses Regelwerk von Zoodirektor Wurmdobler, der akribisch zwischen Anfragen ("Habe graue Tierchen auf der Terrasse, wie heißen die?“), Patienten ("Angeblich trägt Christian Rainer vom Profil beim Schreiben Handschuhe aus Fledermausfell und Otterpfötchen“) und Themenverfehlungen ("Krähen picken das Silikon aus unseren Fenstern, von welchem Amt erhalten wir eine Abschussfreigabe?“) unterscheidet. Diese Zuschriften verschwinden sofort im redaktionellen Orkus. Einlangende Eitelkeiten ("Bin ein Fan ihrer Kolumne“) und Auftragsarbeiten ("Liebe Redaktion, bitte mehr vom, Tier der Woche‘“) werden von den Kollegen abgesnobbt und mit Abschlägen beim Zeilenhonorar bestraft.

Definitionsgemäß besteht also ein Leserbrief in seiner Idealform aus einer maximal 500 Zeichen langen, historisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem Textbeitrag, leichter Schelte für den Autor und Lob für die Chefredaktion. Eine Kopie des Meldezettels ist beizulegen, die Abonummer anzugeben.

Zwei Zuschriften konnten in all den Jahren diesen Filter passieren: Eine Kunststudentin, die über das männliche Herrschaftskonstrukt in der Biologie forschte, kritisierte meine allzu libertäre Haltung in Fragen animalischer Geschlechterdichotomien und forderte, dass auch Insektinnen einen Busen haben sollten. Wohl kaum, denn bei dieser Tiergruppe gibt es zwar viele Saugetiere, aber keine Säugetiere.

Von mir für seinen Sophismus bewundert, aber unbeantwortet blieb der zweite Brief: "Beim Lesen frage ich mich: Wenn man die heftige Liebe zur Natur als Krankheit bezeichnen möchte, wie würde sie heißen?“

Diesen Freitag werden in Wiens einzigem Theater, das nach einem großen, dunklen Vogel benannt ist, 1000 Tiere abgefeiert. Danach ist hier Schluss mit lustig und diese Kolumne widmet sich wieder mit gebotenem Ernst dem tierischen Leben. F

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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