Film Retrospektive

Die ungeschminkte Stadt: "Marseille im Film"

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 46/13 vom 13.11.2013

Die Wahrheit von Marseille ist derart schön, dass sie aus der Ferne wie eine Lüge erscheint", erklärt ein lokalstolzer Einheimischer in "Justin de Marseille" einem Reporter. In den Liebeserklärungen an diese Stadt klingt unweigerlich ein Unterton von Trotz mit. Aus der Pariser Zentralperspektive war die zweite Stadt Frankreichs stets anstößig. Nicht nur ist sie verfemt als Hochburg des organisierten Verbrechens. Auch als historisch gewachsener Schmelztiegel ist sie verdächtig; zu gut funktionierte hier seit jeher die Assimilation des Fremden. Dieser Randlage begegnet das Kino, in dem es ein Zentrum findet: Kaum ein Film, der nicht mit einer Ansicht des Hafens beginnt. Das Ende der Mole ist in Jean Epsteins "Cœur fidèle" ein trefflicher Sehnsuchtsort, der letzte Außenposten der reinen Liebe.

Diese Stadt ist nicht zu domestizieren. Sie verfügt über Viertel, die keine Staatsmacht je kontrollieren konnte. (Unter diesem Aspekt ist "Seven Thunders" von Hugo Fregonese ein reizvolles Fundstück.) In "Justin de Marseille" und vier Jahrzehnte später in "French Connection II" hat die Straßenreinigung kapituliert. Das sei die lauteste Stadt, in der er je gedreht hat, meinte John Frankenheimer später. Auf diesem filmischen Terrain gedeiht Wildwuchs prächtig. In Jacques Demys letztem Film wird der Inzest vollzogen, den sein Werk so lange umspielte. Bei René Allio, Claire Denis und anderen ist die Mittelmeermetropole ein melancholisches Laboratorium der sozialen und urbanen Verwerfungen. Schließlich hat die Stadt auch zwei treuherzige Klassenkämpfer hervorgebracht, Paul Carpita und Robert Guéduigian. In ihren Filmen zeigt sich, wie unverblümt die mediterrane Mentalität ist: Unbeirrt führen die Figuren ihre politischen Überzeugungen im Munde. Nie strahlte die Sonne so hell über der Stadt wie beim Streik in "Le Rendez-vous des quais".

Ganz um die Folklore kommt die Filmreihe -kokuratiert von Daniel Winkler, dessen Buch "Marseille! Eine Metropole im filmischen Blick" ungemein aufschlussreich ist -nicht herum: An Marcel Pagnol führt kein Weg vorbei. Für den touristischen Blick und die Operettenseligkeit hat sie indes keinen Platz. Aber das wäre, um mit Paul Carpita zu sprechen, auch das falsche Marseille.

Ab Fr im Filmmuseum


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