Wieder gelesen 

Bücher, entstaubt

Politik | aus FALTER 47/13 vom 20.11.2013

Einer, der die Politik durchschaute

Wenn der deutsche Starreporter Jürgen Leinemann über Politiker schrieb, dann las sich das mitunter so: "Unter dem Motto ‚Mein Privatleben muss tabu bleiben‘ hat er Boulevard-Zeitungen über Mutter, Frau und Tochter, deren Reitpferd und seine Sauna, über Fahrrad, Kellerbar und sein Leibgericht ‚grüne Bohnen‘, kurz über so gut wie jeden privaten Winkel seines Lebens reichlich Auskunft gegeben.“ Diese für ihn typischen Worte widmete der vergangene Woche mit 76 Jahren verstorbene Leinemann der deutschen FDP-Politikerlegende Hans-Dietrich Genscher.

Der Spiegel, Leinemanns ehemaliger Arbeitgeber, titelte zu seinem Tod: "Der Mann, der die Mächtigen durchschaute“. Wie sehr er das Spiel mit der Macht durchblickte, zeigte auch sein Buch "Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker“. Der Autor beschreibt, dass Politik nicht nur ein notwendiges Übel ist, sondern vor allem eine Droge, der alle zu verfallen drohen, die sich darauf einlassen; seien es Politiker oder Journalisten, PR-Berater oder Top-Beamte. Quasi nebenbei erzählt Leinemann in seinem Buch eine Hintergrundgeschichte über viele der maßgeblichen Personen der deutschen Politik der Nachkriegsgeschichte. Leinemanns Tod ist ein Verlust für den Journalismus, "Höhenrausch“ eine Bereicherung, nicht nur für Journalisten. WZ

Jürgen Leinemann: Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker. Heyne, 490 S., Euro 10,30


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