Selbstversuch

Blau ist schon wieder das neue Schwarz

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 47/13 vom 20.11.2013

Doris Knecht muss höhnische deutsche Blicke ertragen

In Berlin tragen jetzt alle Retrorucksäcke und Hauben mit Umschlag. Selbstgehäkelte Beanies sind komplett out. Stattdessen: feinster Feinripp, gedeckt einfärbig, hochgeschlagen, direkt am gesamten Kopf anliegend und mit einem kleinen, aber gut sichtbaren Label, das ausweist, dass das Hauberl gestrickt ist aus edelstem Garn, gesponnen aus den Achselhaaren von dänischen Kuschel-House-DJs. Verkauft werden die Teile in Läden, in deren Schaufenstern keine Preise mehr verraten werden, um die Hipster und Hipsterinnen nicht schon vor der Schwelle zu verstören. Hat man sie erst einmal im Laden, sind sie verloren, die reizenden, tätowierten Brillenbartverkäufer zaubern ihnen unausweichlich die Kreditkarten aus dem Rucksack, danke, willst du ’ne Tüte dazu? Der Hipster, mit dem ich unterwegs war, probierte eine mittelblaue, eine dunkelblaue, eine marineblaue und eine nachtblaue Haube und kaufte dann einen navyblauen Rucksack. Blau ist schon wieder das neue Schwarz. Weiß ich aber bitte schon lange.

Was mit mir sei, fragte der Hipster. Nichts, wieso? Wolle ich nicht auch einen Rucksack, würde mir doch stehen. Abgesehen davon, dass ich mir kürzlich einen ganz ähnlichen am Flohmarkt um fünf Euro gekauft habe: Nein, danke, ich bin schon erwachsen. Rucksäcke trage ich zum Wandern, ich bin schon lange kein Hipstermädchen mehr, und wenn ich all die Berliner Hipstermädchen sehe, die jungen, die älteren und die alten, macht mir das auch überhaupt nichts aus.

Allerdings ist es in Berlin, also jetzt speziell in Kreuzberg oder Mitte, zuweilen durchaus lästig, keins mehr zu sein. Es werden dort Frühaufsteher z.B. total diskriminiert. Vor elf sperrt in Kreuzberg nicht mal das Frühstücks-Espresso auf. Das Einzige, was vor elf offen hat, sind Kioske, Buchhandlungen, Apotheken und ein paar unbelehrbare Bäckereien, in denen man den Kaffee entwürdigend an richtigen Tischen trinken muss.

Gut, dass ich mit dem Präsidenten erst am Nachmittag auf Shopping-Tour war, erst sind wir in einem Coffee-Shop auf einem Hockerchen gehockt und haben Lättchen getrunken, dann ab ins Slacker-Paradies, zu den Rucksäcken und den Umschlaghauben. Der Präsident wollte aber keinen Rucksack, sondern einen Parka, um den feinen Zwirn zu beschützen, den er fast stets am Leibe trägt. Parkas haben auch noch immer alle; in Mitte sind bereits alle anderen Jackengenres verboten.

Am Abend in der österreichischen Botschaft mussten wir dann beim Weinempfang nach der Lesung unglaublich flink am Buffet sein: Ich machte den Fehler, die Toilette aufzusuchen, als ich zurückkam, war der Weinempfang schon vorüber und ich musste mich vor dem Gesandten erniedrigen, um wenigstens eine Minimalalkoholisierung zu erreichen. Bei den Ösis, bitte!! Die höhnischen Blicke meiner deutschen Freunde waren nur schwer zu ertragen. Als wäre unser Ruf im Ausland nicht sowieso schon angeschlagen. Wir flohen dann in die Cordobar, dort wurde alles gut.


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