Tiere

Zeitgenossen

Falters Zoo | aus FALTER 47/13 vom 20.11.2013

Peter Iwaniewicz wird nicht wie Faust zum Augenblick sagen: Verweile doch! du bist so schön!

Was ist Zeit? Ein Augenblick, ein Stundenschlag, tausend Jahre sind ein Tag“, sang Udo Jürgens und nahm damit in geradezu visionärer Weise die gefühlte Dauer einer österreichischen Bildungsreform vorweg. Mit dem Begriff "Zeitdilatation“ waren bisher nur Physiker und Leser von Science-Fiction-Romanen konfrontiert. Alfred Einstein postuliert in seiner Relativitätstheorie, dass Raum und Zeit nicht zwei unabhängige Größen sind, sondern gegenseitig aufeinander einwirken und sich beeinflussen. Was er aber nicht ahnte, war, dass auch andere Kräfte die Zeit für ein neues Lehrerdienstrecht auf 15 Jahre und aktuelle 35 Verhandlungsrunden dehnen können.

Die Chronobiologie liefert dazu wesentliche Erkenntnisse, wie Lebewesen diese vierte Dimension wahrnehmen. Welche Zeitdauer empfinden wir als Gegenwart? Ein kurzer Zeitabschnitt von etwa drei Sekunden ist das empfundene Jetzt. Danach ist alles schon Vergangenheit. Je nachdem, wie anspruchsvoll und komplex jene notwendigen Denkprozesse sind, um eine bestimmte Situation zu bewältigen, um so länger oder kürzer empfinden wir diesen Zeitabschnitt. Daher wird die Anreise zu einem bestimmten Ziel von uns immer als zeitlich länger wahrgenommen als die Rückfahrt auf derselben Strecke.

Ein anderer Begriff aus der Zeitforschung ist die Fusionsschwelle. Damit bezeichnet man jenen zeitlichen Abstand zweier Ereignisse, ab dem diese als getrennt erkannt werden. Beim Menschen müssen optische Eindrücke 20 bis 30 Millisekunden auseinander liegen, damit wir sie als einzelne Bilder wahrnehmen können.

Mit unserem Zeitgefühl stehen wir irgendwo zwischen Schnecke und Fliege. Je nach Lebensalter und Lichtverhältnissen können Menschen zehn bis 14 Bilder pro Sekunde einzeln sehen, bevor sie zu einem Film verschmelzen. Insektenaugen sind da viel sensitiver und haben - je nach Art - sogenannte Flimmerverschmelzungsfrequenzen von bis zu 150 Bildern pro Sekunde. Licht von Leuchtstoffröhren, das 50 Mal pro Sekunde blinkt, erscheint diesen Tieren so wie uns ein Stroboskoplicht in einer Diskothek.

Während des REM-Schlafs können wir scheinbar stundenlange Träume erleben, die tatsächlich nur 15 Sekunden dauern. Apropos: In Japan wird es akzeptiert, wenn Kinder in der Schule schlafen. Denn es zeigt, dass sie nachts fleißig waren. In diesem Sinn wären die eingeschlafenen Verhandlungen ein sehr gutes Zeichen.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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