Film Neu im Kino

Der letzte der Ungerechten: Benjamin Murmelstein

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 47/13 vom 20.11.2013

Sind Sie glücklich in Rom?", fragt Claude Lanzmann den Mann über den Dächern der Ewigen Stadt. Nach einigen Sekunden bekommt er die Antwort: "Mein Zögern sagt Ihnen schon etwas. Aber um Ihnen doch zu antworten, sage ich: Soweit ein Jude im Exil glücklich sein kann - ja." Zum ersten Mal in diesem Film zu sehen bekommt man Benjamin Murmelstein erst nach 20 Minuten in Form von Aufnahmen aus dem Jahr 1975, als Lanzmann den letzten sogenannten Judenältesten in Rom besuchte. Zu hören ist Murmelstein jedoch schon zuvor, indem Lanzmann im heutigen Theresienstadt aus dessen 1961 veröffentlichtem Buch "Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann" rezitiert. Der Wiener Rabbiner Murmelstein, im Jänner 1943 nach Theresienstadt deportiert, war von September 1944 bis Kriegsende Judenältester des Ghettos, Hitlers "Geschenk an die Juden".

Obwohl überall zu lesen ist, "Der letzte der Ungerechten" sei ein Film über Murmelstein, ist er doch vielmehr ein solcher mit ihm. Eine Woche dauerte der Besuch in Rom im Rahmen der Dreharbeiten zu "Shoah" und lieferte Lanzmann insgesamt fast zwölf Stunden Material. Lanzmann verzichtete jedoch auf die Aufnahmen für sein Opus magnum, um nun darauf zurückzugreifen und das Gespräch mit Murmelstein mit neuem Material sowie - für ihn ungewöhnlich - mit Ausschnitten aus Nazipropaganda und Zeichnungen von Häftlingen zu ergänzen. Obwohl Lanzmann versucht, Murmelsteins Rolle bei der "Kooperation" mit den Nationalsozialisten im Detail zu beleuchten, bekommt man ein Gespräch zu sehen und zu hören, in dem sich Murmelstein vor allem als scharfsinniger raconteur erweist, der sich selbst mit Scheherazade vergleicht: als einen Erzähler, dessen Erzählungen sein Überleben garantierten. "Halten Sie sich für einen Helden?", fragt Lanzmann. - "Ich habe Dinge gemacht, die ein anderer nicht gemacht hat. Aber ein Held bin ich deshalb nicht."

Ab Fr im Votivkino (OmU)


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