Design Kritik

Der Fremde: Wenn der Knochen zum Griff wird

Lexikon | aus FALTER 47/13 vom 20.11.2013

Was erhält man, wenn man Holzmehl mit Ochsenblut vermischt? Unter dem Namen "Bois durci" wurde im 19. Jahrhundert ein Material entwickelt, das als natürlicher Kunststoff für die Herstellung luxuriöser Gebrauchsgegenstände wie Broschen oder Schatullen diente. Mehrere aus Bois durci geformte moderne Behälter sind nun im Geymüllerschlössel zu bewundern, das als Außenstelle des Museums für angewandte Kunst nun jährlich Interventionen von Gastdesignern präsentiert. Unter dem Namen Studio Formafantasma firmieren die jungen Italiener Andrea Trimarchi und Simone Farresin, die auf das Biedermeierambiente auf sehr spannende Weise eingehen. Vor allem die Lust am Exotismus, der sich in Architektur und Ausstattung des 1808 errichteten Gebäudes vielerorts zeigt, hat die für ungewöhnliche Materialien bekannten Designer gereizt.

So trifft der Besucher im Empfangszimmer auf Hocker, die mit gegerbter Barsch- und Seewolfhaut überzogen sind oder einen großen Schwamm als Sitzunterlage anbieten. Ein großartiger Kontrast kennzeichnet einen mundgeblasenen Glasbehälter, der einen eingeschlossenen Rinderknochen als Griff trägt. Eindrucksvoll auch der Luster im Speisezimmer, der aus den Blasen von Rindern hergestellt wurde. Mit den ungewöhnlichen Materialien stellen die Künstler unsere Wegwerf-und Plastikgesellschaft zur Disposition.

Herzstück der Intervention bildet ein Teppichobjekt, das im Blauen Salon von der Decke hängt und das die exotische Thematik der Biedermeiertapeten aufgreift. Dort trifft der Besucher auf den Fremden aus dem Süden, der im Ausstellungstitel "The Stranger within" anklingt und der als konkreter afrikanischer Migrant auf einer Serie von Keramiken in dem aufgrund seiner Ornamentik "Moschee" betitelten Raum auftaucht. NS

Mak-Expositur Geymüllerschlössel, bis 1.12.


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