40 Jahre und noch immer leise

Best-of-Programm der stillen Schweizer Showtruppe Mummenschanz im Museumsquartier

Lexikon | LISA KISS | aus FALTER 48/13 vom 27.11.2013

Riesige Luftballon-Monster kämpfen lautlos, verlieren den Kopf und schrumpfen schließlich zu einem kleinen Häufchen Elend. Mummenschanz brauchen keine Sprache, keine Musik, keine Lichtshow. Seit ihrer Gründung 1972 lehnt die Gruppe jedes Hilfsmittel ab. Mummenschanz reden nicht, singen nicht und haben kein Dekor. Eine schwarze Guckkastenbühne, ein präzise eingestellter Scheinwerfer und vier ganz in Schwarz gekleidete Spieler, die mit den unterschiedlichsten Formen und Materialien hantieren, genügen, um eine fantasievolle Revue zu zaubern.

Jedes Bild taucht nur kurz auf, die poetischen Illusionen, in denen Klopapierrollen oder weiße Knetmasse die Hauptrollen spielen, unterhalten Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Diese gekonnte Mischung aus Pantomime, Körper-und Materialtheater funktioniert unverändert, nun kommen Mummenschanz damit zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder nach Wien. Der Falter hat das Stück vorab in Barcelona gesehen und das Ensemble nach der Vorstellung getroffen.

Gegründet wurde Mummenschanz von den beiden Schweizern Bernie Schnür und Andres Bossard, wenig später stieß die italienischstämmige Amerikanerin Floriana Frassetto dazu. Und weil man in der Schweiz innerhalb einer halben Stunde in einer anderen Sprachregion ist, beschlossen die ausgebildeten Schauspieler, wortloses Theater zu machen.

Mummenschanz - benannt nach einem mittelalterlichen Glücksspiel mit Würfeln, bei dem die Spieler Masken trugen - waren geboren. Nach einem dreijährigen Gastspiel am Broadway tourte das Ensemble durch die ganze Welt. Selbst in Teheran durften Mummenschanz auftreten, allerdings in züchtigen weiten Pullovern und ohne die Steckdosen-Nummer: Ein Stecker und eine Dose verlieben sich und schließen sich zusammen -zu obszön für die iranische Zensur.

Nach dem Tod von Andre Bossard und dem Abgang von Bernie Schnür -er hat sich 2012 aus gesundheitlichen Gründen in die Pension verabschiedet - ist nur noch Floriana Frassetto von der ursprünglichen Truppe dabei. "Ich weiß, wie man ein Kapitel schließt", stellt die "Kunsthandwerkerin der Fantasie" lapidar fest, als sie nach ihrem ehemaligen Kollegen gefragt wird. Die resolute 62-Jährige wacht streng und konsequent über die Authentizität der kleinen, feinen Mummenschanz-Geschichten zwischen Röhren, Kartons und geometrischen Figuren. Für sie gibt es kein Leben ohne Mummenschanz: "Seit 30 Jahren tut mir alles weh", sagt Frassetto lachend. "Aber selbst, als ich einmal von der Bühne gefallen bin, konnten und wollten wir die Vorstellung nicht abbrechen."

Es gäbe auch gar keinen Ersatz, denn jeder Darsteller hat seine Figuren, Kostüme und Charaktere, die untereinander nicht ausgetauscht werden. Ein Konzept, das jede Figur einzigartig macht. Für die Jubiläumstour trainierte der Tänzer und Choreograf Philipp Egli, das jüngste Mitglied der Truppe und Ersatzmann für Bernie Schnür, monatelang für die Rollen seines Vorgängers, wie etwa das "Spiel der Masken", eines der klassischen Stücke aus dem großen Repertoire.

"Auf der Bühne gibt es keinen Spiegel, nur das Publikum sieht, wie meine Maske tatsächlich aussieht", sagt Egli. "Also muss ich das Kneten der verschiedenen Gesichter ohne Spiegel üben. Irgendwann werden meine Finger zu meinen Augen. Während der Show reagieren wir auf das Publikum, dadurch wird jede Vorstellung einzigartig."

Das Material ist dasselbe wie zu Beginn der Arbeit mit Knetmasse. "Wir mischen diese Knetmasse auch selbst an, denn sie muss ja die richtige Konsistenz haben", sagt Frassetto. "Es dauerte auch ziemlich lang, die perfekte Mischung zu finden". Die Spieler ziehen und zupfen ihre Nasen lang wie Pinocchio, legen die Stirn in tiefe Faltern oder schmollen mit richtig dicken Lippen. Die Masken werden immer mehr zu verzerrten Fratzen, die sich angiften und in einen heftigen Streit geraten.

Wie die Knetmasse werden auch alle anderen Kostüme von den Darstellern selbst hergestellt; die verschiedensten Stoffe und Materialen werden genau getestet und schließlich in die Show aufgenommen. Den dünnen, knisternden Stoff für die riesigen Sumo-Ringer etwa entdeckte Floriana Frassetti bei einem Spaziergang durch einen Park: Ein Kind hielt einen Luftballon aus genau diesem Material in der Hand.

In ihrem aktuellen Best-of-Programm zeigen Mummenschanz die besten und erfolgreichsten Stücke aus 40 Schaffensjahren. Zu Adventbeginn gastiert das Quartett einige Tage lang in Wien -und bietet damit ein empfehlenswertes Kontrastprogramm zum hektischen Treiben der Vorweihnachtszeit.

Museumsquartier, Halle E, 3. bis 7.12.


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