Der indische Künstler Amar Kanwar erinnert an die Opfer des industriellen Fortschritts

Feuilleton | Ausstellungsbesprechung: Matthias Dusini | aus FALTER 48/13 vom 27.11.2013

Große Männer auf Sockeln, das versteht man gemeinhin unter einem Denkmal. Das Thema des indischen Künstlers Amar Kanwar ist ebenfalls die Erinnerung, allerdings nicht jene an Helden, sondern an Opfer.

Die Monumente des dreifachen Documenta-Teilnehmers bestehen aus Videos, Installationen und Dokumenten. Das in der TBA21 gezeigte Projekt "The Sovereign Forest" beschäftigt sich mit dem indischen Bundesstaat Orissa, der reich an Bodenschätzen ist und dessen Menschen unter der Industrialisierung leiden.

Der Film "The Scene of Crime" zeigt lange, stille Aufnahmen von Waldstücken und von Mondlicht beschienenen Reisfeldern. Poetische Zwischentitel - etwa "Die Nächte waren endlos" - lassen die Bedeutung offen. Aus dem Infotext erfährt man, dass es sich um Orte handelt, die unmittelbar nach den Filmaufnahmen von Baggern zerstört wurden.

In einem weiteren Raum zeigt der Künstler hunderte Reisschälchen mit verschwindenden Sorten, die so klingende Namen wie Nadiajodi tragen. Ein Aktivist hat 266 Reissorten gesammelt -als Zeichen des Widerstands gegen die Übermacht der Saatgutkonzerne. Das Museum bekommt so die Funktion einer Arche Noah.

Kanwar solidarisiert sich mit protestierenden Kleinbauern und hält ihre Geschichten fest. Sie handeln von verheerenden Staudammprojekten, Zwangsumsiedelungen und dem Freitod als letztem Ausweg. Die Geschichten kann der Besucher in Folianten aus Bananenfaserblättern lesen. Links stehen die Texte, rechts wird ein Film von oben auf die Seiten projiziert. An einer Wand schließlich sind Beweismittel von Verbrechen zu sehen, die die schreckliche Realität ungefiltert vor Augen führen.

Das multimediale Denkmal ist Ausdruck von Kanwars politischem Engagement. Beim Museumsbesucher löst seine Kunst das bittersüße Gefühl der Betroffenheit aus.

Amar Kanwar: bis 23.3.2014 in TBA21


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