Tolle Songs, tolles Stück, keine tolle Aufführung

Michael Schottenbergs "Woyzeck"-Inszenierung im Volkstheater sieht auf Fotos besser aus als auf der Bühne

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 48/13 vom 27.11.2013

Eigentlich ist Georg Büchners "Woyzeck" das Gegenteil von einem Musicalstoff: Die Geschichte ist viel zu trostlos und hat kein Happy End. Aber weil Tom Waits ja auch das Gegenteil von einem Musicalkomponisten ist, passt es wieder.

Nach "The Black Rider"(1990) und "Alice" (1992) ist "Woyzeck" (2000) das dritte Projekt, das Raukehlchen Waits mit dem Regie-Ästheten Robert Wilson entwickelt hat. Das Ergebnis ist die noch fragmentarischere Version eines ohnedies fragmentarischen Dramas, in der die Schauspieler zwischendurch Waits-Songs singen.

Die Songs sind großartig, Büchners Stück ist es sowieso. Aber wie kommen die beiden zusammen? Auf diese Frage findet Michael Schottenberg im Volkstheater keine überzeugende Antwort. Seine Inszenierung klingt zwar gut (musikalische Leitung: Imre Lichtenberger-Bozoki), und sie sieht auf Fotos auch toll aus: Die Bühne (Hans Kudlich) ist ein mit Erde bedecktes und von Eisenwänden umschlossenes Verlies; die Schauspieler sind grell geschminkt wie für einen gruseligen Stummfilm. Live und aus der Nähe betrachtet sind die Wände nur filigrane Kulissen, und das Gruseligste an den Schauspielern ist das übertriebene Deklamieren, zu dem sie Schottenberg offenbar animiert hat.

Nur Hanna Binder (als Woyzecks Geliebte Marie) und Haymon Maria Buttinger (Woyzeck) machen da nicht mit. Die Szene, in der er sie ersticht, ist der zärtlichste Moment des Abends. In der ersten Hauptrolle seiner Karriere wirkte Buttinger bei der Premiere etwas nervös; das machte seine beunruhigend passive Performance aber eher noch eindringlicher. Die Rolle mit ihm zu besetzen war Schottenbergs beste Idee. Ein paar andere hätten der Inszenierung nicht geschadet.


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