Alle haben ein Auge auf Isabelle, es wird seltsam und natürlich sexuell

Feuilleton | Ozonentwarnung: Michael Pekler | aus FALTER 48/13 vom 27.11.2013

Ein Film über das Sehen und Gesehenwerden, der mit einem Kinoblick par excellence eröffnet: durch ein auf den Strand gerichtetes Fernglas, das eine junge, am Strand liegende Frau ins Visier nimmt. Der Voyeur ist der kleine Bruder von Isabelle (Marine Vacth), und so wie er haben in der Folge fast alle - nämlich Männer und Frauen - ein Auge auf die knapp 17-Jährige geworfen, die den Sommer mit ihrer Familie in Südfrankreich verbringt.

Beim ersten Sex mit dem Urlaubsflirt am nächtlichen Strand geschieht allerdings offenbar etwas, das Isabelles Bild von sich selbst verändert: Zurück in Paris, es ist Herbst geworden, tauscht sie die Jeans gegen ein schickes Kostüm und beginnt heimlich als Callgirl zu arbeiten.

Nach zwei Theateradaptionen hat Regisseur François Ozon für "Jeune & jolie" endlich wieder selbst ein Drehbuch geschrieben und erweist sich dabei erneut als souveräner Autor. Ohne Isabelles Verhalten zu erklären oder gar zu bewerten, gewährt er Spielraum für Interpretationen, den man als Zuschauer füllen zu müssen glaubt - bis man merkt, dass es um etwas ganz anderes geht.

Ozons Filme handeln nicht von jenen Abgründen, die sich bei Claude Chabrol hinter der sogenannten bürgerlichen Fassade auftun. Stattdessen geht es um Heimlichkeiten und eine Oberfläche, mit der sich die Menschen zu schützen glauben und die sie doch nur umso verletzlicher macht. So wie Catherine Deneuve in "Potiche" als "Schmuckstück" ihres Mannes herhalten musste, so hat auch die großartig besetzte Marine Vacth einer Zuschreibung zu entsprechen, die der Film bereits im Titel führt: jung und schön.

In vier den Jahreszeiten und Isabelles Schuljahr folgenden Kapiteln erzählt "Jeune & jolie" somit nicht sosehr vom heimlichen Doppelleben, sondern von dessen Folgen und den Versuchen der Familie, die alte Ordnung wieder herzustellen. Ob das gelingt, weiß am Ende nur Charlotte Rampling als Dea ex Machina.

Ab 29.11. in den Kinos (OmU im Votiv)


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