Kommentar  Angst und Elend

Jorge Mario Bergoglio zeigt der Welt, was ein linker Haken ist

Falter & Meinung | Wolfgang Zwander | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Der Pole Papst Johannes Paul II. war ein Kalter Krieger auf der Seite des Westens; sein offenes Auftreten gegen den Kommunismus gab vielen Polen erst die Kraft, sich gegen die sowjetische Herrschaft aufzulehnen.

Sein deutscher Nachfolger Papst Benedikt XVI. war ein Reaktionär, der die Reformgeister des Zweiten Vatikanischen Konzils aus Rom vertrieb.

Wie passt dazu nun dieser Papst Franziskus, der die kapitalistische Weltordnung jüngst in einer Weise attackierte, die in ihrer Radikalität an Lenin erinnerte?

"Diese Wirtschaft tötet“, schrieb Franziskus. Es sei "unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse an der Börse Schlagzeilen macht“. Der Mensch werde als Konsumgut betrachtet, "das man gebrauchen und dann wegwerfen“ könne, die Ausgeschlossenen würden zu "Müll“ und "Abfall“. "Das Geld muss dienen und nicht regieren!“

Man sollte nicht glauben, Franziskus oute sich mit diesen Worten als Linksextremer; er zeigt nur, warum die katholische Kirche die älteste bestehende Institution der Welt ist.

Der Kirche gelingt es seit zwei Jahrtausenden, die Menschen an sie zu binden, indem sie ihnen Antworten auf ihre größten Ängste anbietet. Und vor nichts fürchten sich die Massen im Westen heute mehr als vor ihrem sozialen Abstieg, vor Verelendung, vor dem Rausfallen aus der Gesellschaft.

Die Dritte Welt ist auch in Europa angekommen - und die Kirche reagiert darauf mit einem Südamerikaner an ihrer Spitze, der sich mit Armut und Not auskennt. Das zeigt, dass man mit dieser Kirche noch lange rechnen muss. Am Ende überlebt sie vielleicht noch den Kapitalismus.


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