Selbstversuch


Davon habe ich mich bis heute nicht erholt

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Weil ich letztes Mal das Tilda-Swinton-Orakel auch zwecks hoch oder flach befragt habe: Stiefeletten, mittelflach, danke. Mein Verhältnis zu Absätzen ist neuerdings gestört. Irritiert mich. Ich bin derzeit noch unentschieden, ob das einem unvermuteten Einbruch reiner Vernunft zugeordnet werden darf oder dem unverarbeiteten Knöchelbruchtrauma oder einer fortschreitenden Wurschtigkeit: Allein der Anblick richtig hoher Hacken im Internet, in Zeitschriften, in "Nashville“ oder welcher TV-Serie auch immer …

Der erste Gedanke ist jetzt meist: bizarr. Dass Frauen tatsächlich so etwas anziehen. Wahrscheinlich ist Lindy West Schuld. Ja, ich glaube, Lindy West. Sie war es doch, die auf jezebel.com High Heels einmal einfach nur beschrieben hat. So, wie ein Alien sie beschreiben würde, wenn er zum ersten Mal sieht, wie ein Teil der weiblichen Spezies auf der Erde sich fortbewegt (oder vielleicht infolge eines Bestrafungsrituals sich fortzubewegen gezwungen ist? So eine Art besonders grausamer Fußfessel, die die Delinquentin auf ausgesucht perfide Weise am Weglaufen hindert).

Diese Individuen balancieren also auf grotesken, urlangen Nägeln, die sich jeden Moment durch ihre Fersen bis tief in ihren Knöchel hineinzubohren drohen. Oida. Von diesem Bild habe ich mich irgendwie nie wieder ganz erholt. Und es ist möglicherweise irreversibel. Und das ist mir höchstwahrscheinlich egal. Macht das das Yoga? Himmel.

Andererseits, die goldenen Pumps-Schucherln mit den braven Absätzchen, die Cate Blanchett in Woody Allens neuem Film tragen muss: würde Tilda Swinton garantiert nicht an ihre Füße lassen. No way. Woody Allen kam gerade recht, um einen Teil jener Zeit zu überbrücken, die die Mimis damit verbrachten, dem Gemetzel von Panem beizuwohnen. Mir ist das ja zu brutal, aber die Mimis finden das super, und die Schmach, dass sie sich das als Einzige ihrer Klasse nicht anschauen dürfen, will ich ihnen nicht antun. Meine Eltern haben mich mit zwölf und obwohl ich alle Teile gelesen hatte, nicht "Winnetou“ schauen lassen und mich so zu einer minderinformierten Außenseiterin deformiert, wovon ich mich, glaub ich, bis heute nicht erholt habe.

Wobei mir, um wieder aufs Gleis zu kommen, Woody Allen nicht viel gab, wie schon die letzten paar Mal nicht, und die hymnischen Rezensionen lassen sich nur so erklären, dass die Kritiker endlich wieder einmal einen Woody Allen toll finden wollten, sei das Drehbuch auch noch so unplausibel und von extrem wackeliger Motivationsbasis. Weil, Entschuldigung, der zielstrebige, karrieregeile Jungdiplomat mit Direktkurs auf Washington würde sich niemals und schon gar nicht aus Berechnung für die neurotische, ältliche Witwe interessieren, nicht einmal, wenn sie so schön ist wie Cate Blanchett, und schon gar nicht, ohne vorher ihr Umfeld durchleuchten zu lassen. "House of Cards“ bitte, ich kenne mich aus. "Inside Llewyn Davis“ dagegen … Toller Film, wurscht, was ihr alle sagt.

Doris Knecht glaubt Woody Allen nicht


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