STEIERMARK

Mezzanin Theater: Wenn sich die Erben nach dem Sterben das Erben verderben

Lexikon | THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Die Geschichte kennen wir: Ein reicher Vater stirbt, aber die familiären und emotionalen Verstrickungen, in denen er sich lebtags verfangen hat, nimmt er nicht mit ins Grab: die letzte Geliebte, den unterdrückten Sohn, die eifersüchtigen Töchter. Sie alle spielen eine Rolle. Sind die Geschäfte noch gut gelaufen? Wer hatte das Unternehmen am Ende in der Hand? Wer verliert, wer profitiert? Nein, hier geht's um keine TV-Hauptabendschnulze, das sind Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Und wenn es sie anders schreibt, bleibt doch eines: der Ausnahmezustand, in den "Erben" verfallen. Allzu oft offenbart dieser die Abgründe familiärer Hassliebe.

Wozu Menschen dann fähig werden, zeigt die neue, tiefschwarze Komödie des Mezzanintheaters. Unter der findigen Regie von Hanspeter Horner schlüpft Martina Kolbinger-Reiner in die Rollen dreier Geschwister aus oben beschriebenem Szenario. Was als tränenreiche Unterredung im Vorfeld der Testamentseröffnung beginnt, endet in einem Albtraumszenario, das irgendwann schnippisch die Realismusfrage aufwirft: Wie weit würden wir wirklich gehen, um materielle Interessen mit der Aufrechnung kindlicher Traumata unter einen Hut zu bringen? Die kluge Raumgestaltung von Gerhard Michl und filmische Einspielungen von Stefan Schmid machen es möglich, dass Kolbinger-Reiner mit sich selbst in Interaktion tritt, wobei Horner diese Lösung erst Zug um Zug offenbart. Ein theatrales Crescendo, das zeigen möchte, wie klein der Schritt von der klischeehaften Alltäglichkeit des Wahnsinns zur Groteske ist. Und dabei eine gute Portion von beidem bietet.

Probebühne Mezzanin Theater, bis 17.1.


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