In 80 Filmen um die Welt

Das Festival This Human World bringt im Kino die Menschenrechte zur Diskussion

Lexikon | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Mohammad, von seinen Freunden kurz Mo genannt, ist ein guter Junge. Er geht noch zur Schule, hält sich aus krummen Geschäften einigermaßen heraus und vergöttert Rashid, seinen großen Bruder, der sich überall Respekt zu verschaffen weiß. Abends schaut Mo mit seiner Mutter gemeinsam fern, bis ohne Vorwarnung wieder einmal der Saft ausgeht und er sich mitten in der Nacht auf den Weg machen muss, um für einen 20er neue Marken für den Stromzähler zu besorgen -wobei er dann Zeuge einer Messerstecherei wird, bei der ein Bekannter von ihm elend auf der Straße verreckt.

Dabei spielt "My Brother the Demon" weder in Bagdad noch in Kairo, ja nicht einmal in Athen, sondern mitten in London. Sally El Hosaini hat ihren mitreißenden Film vor Ort in Hackney gedreht, wo manche Ecken fast ausschauen, als herrsche Bürgerkrieg (und im übertragenen Sinn tut es das auch). Die überraschende Volte, die der Film in weiterer Folge schlägt, soll hier nicht verraten werden, doch sie zeugt vom - speziell seit den Terroranschläge vom Juli 2005 -akut erhöhten Interesse der Filmschaffenden an der arabischen und muslimischen Bevölkerung im Land.

Hosainis Regiedebüt gehört zu den wenigen Spielfilmen, die sich im Programm von This Human World finden. Das Wiener Filmfestival, das sich ganz dem Thema der Menschenrechte verschrieben hat, findet zum bereits sechsten Mal statt. Und auch heuer liegt das Hauptaugenmerk bei der Auswahl auf dokumentarischen Arbeiten oder genauer: auf Filmen, bei denen diese Unterscheidung herzlich sinnlos ist.

Das gilt exemplarisch schon für den Eröffnungsfilm, "An Episode in the Life on an Iron Picker" von Danis Tanović, der bei der Berlinale unter anderem mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte von Senada und Nazif und ihren beiden kleinen Töchtern, die am Rand einer Ortschaft irgendwo in Bosnien-Herzegowina leben. Nazif kommt als Schrottsammler mehr schlecht als recht über die Runden, doch als Senada eine Fehlgeburt erleidet, gerät die Roma-Familie mit einem Mal in eine lebensbedrohliche Lage. Der Weg in die Stadt ist weit, der alte Wagen im Winter kaum mehr fahrtüchtig, und dann wird den Hilfesuchenden im Spital auch noch jede Hilfe verweigert -Begründung (anonym, von oben): keine Krankenversicherung, keine Operation!

Ein starker Film, der ohne Musik und ohne jedes Pathos auskommt und die Zuseher mit seiner wackeligen Kamera in den Sog der Ereignisse hineinzieht. So nah dran ans Leben kommt das Kino wirklich nur selten.

Zora Bachmann, künstlerische Leiterin des Festivals, nennt als ihr Credo "genussvolles Filmschauen", inhaltlich relevantes Kino "ohne erhobenen Zeigefinger". Während der nächsten Woche kann man sich im Topkino, Schikander, Filmcasino und erstmals auch in der Brunnenpassage selbst davon überzeugen. In dem umfangreichen Programm von rund 80 Filmen sind mehrere Schwerpunkte gesetzt: Neben jenen zu Bildungsfragen und Arbeitswelt gibt es Schienen, in der die Rechte von LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, and Intersex Persons) verhandelt werden sowie das Filmschaffen von Frauen gewürdigt wird. Dazu kommen Diskussionen, Konzerte und Workshops. So wird Gerald Igor Hauzenberger, der Gestalter des Festivaltrailers, erste Einblicke in seine neue Arbeit "Last Shelter" geben, die beim Refugee March von Traiskirchen nach Wien ihren Anfang genommen hat.

Eine zum Asylbewerberheim umfunktionierte Kaserne im Landkreis Wittenberg ist der Schauplatz von Anne Koduras in Schwarzweiß gedrehtem "Ödland". Die junge Regisseurin erzählt ihren Film strikt aus Perspektive der Kinder, für die das brachliegende Areal einen Sommer lang zum Abenteuerspielplatz wird. Etliche der Spiele, die Mustafa, Amin und Muhammad spielen, haben sie selbst erfunden -so, wenn sie durch die hüfthoch wuchernde Wiese laufen und rufen: "Mine -bum! Mine - bum!" In diesem impressionistischen Essay wird nichts erklärt, alles nur gezeigt - umso länger wirkt er nach.

Ganz anders "The Grey Area: Feminism Behind Bars", in dem es um sehr konkrete Formen des Gefangenseins und der Diskriminierung geht. Schauplatz hier ist ein Frauenknast in Iowa, wo freiwillige Helferinnen den Insassinnen beibringen, ihre Situation, in die sie nicht selten unverschuldet geraten sind, zu analysieren. Filmisch ist Noga Ashkenazis völlig anonym gestaltete Doku nicht der Rede wert, aber man lernt doch allerhand. Etwa dass die Zahl der weggesperrten Frauen in Iowa in den letzten 30 Jahren um 800 Prozent gestiegen ist - und dass im selben Zeitraum nur drei Frauen begnadigt wurden.

Bis 12.12. im Top, Schikaneder, Filmcasino und in der Brunnenpassage, Eröffnung: Gartenbaukino, 5.12., 20 Uhr


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