Kunst Kritik

In Funktionswäsche zu Sanctum und Agnus Dei

Lexikon | NS | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Überdurchschnittlich lange verweilen derzeit viele Touristen, die eigentlich nur wegen des Klimt-Frieses gekommen sind, im Kaminzimmer der Secession: Die fast einstündige Videoarbeit "Nummer veertien, home" zieht den Betrachter stark durch ihre Musik hinein. Es handelt sich um ein Requiem, das der niederländische Künstler Guido van der Werve selbst geschrieben hat. Die drei Sätze der elegischen Komposition verknüpft er mit einem Mega-Triathlon. Van der Werve hat es sich zur Aufgabe gemacht, mittels Schwimmen, Radfahren und Laufen die 1700 Kilometer lange Strecke zwischen Warschau und Paris zurückzulegen. Einer Hommage gleich legt er damit jene Distanz zurück, die einst Chopins Herz reiste - allerdings in umgekehrter Richtung. Der Komponist hatte sich danach gesehnt, in polnischer Heimaterde bestattet zu werden, sodass 1849 eine Urne mit seinem Herzen in Warschau begraben wurde.

Van der Werves Film ist voller bedeutungsschwerer Bilder, sein Pathos nimmt gefangen. Der hagere Künstler wird darin zum Schmerzensmann, der sich für seine selbstauferlegte Mission schindet. Dabei funktioniert die Unterteilung in zwölf Requiem-Akte gut. Immer wieder kommt auch das Reihenhaus vor, in dem der Künstler aufgewachsen ist. Mal singt in dessen kleinen Zimmern ein Chor samt Streichern, bis die Fenster explodieren, mal schwebt der Künstler von einem Kran hochgezogen zur Streichmusik in die Lüfte. Aus dem Garten bei Chopins Geburtshaus nimmt van der Werve etwas Erde mit, die er am Ende -hinkend vor Überanstrengung -zu dessen Grab auf Père Lachaise bringt. Einzig die Passagen über Alexander den Großen, die auf seine Feldzüge nach Ägypten und Indien rekurrieren, wirken hochtraend, selbst wenn sich der Eroberer gut als Projektionsfigur dieses männerromantischen Projekts eignet.

Secession, bis 19.1.


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