Theater Kritik

Warum? Das Drama nach der Tragödie

Lexikon | WK | aus FALTER 49/13 vom 04.12.2013

Der Titel ist ein Euphemismus: "Die Ereignisse", von deren Folgen das neue Stück des schottischen Dramatikers David Greig handelt, sind kaltblütige Morde. Ein xenophober junger Mann hat unter den Mitgliedern eines multikulturellen Amateurchors ein Blutbad angerichtet. Die Chorleiterin, die lesbische Pastorin Claire, hat den Anschlag nur deshalb überlebt, weil dem Attentäter die Munition ausgegangen war. Jetzt wird sie von der Frage nach dem Warum gequält. Sie redet mit dem Vater und einem Freund des Täters, mit einem Psychologen, einem Journalisten, einem Politiker -und schließlich mit dem Massenmörder selbst.

Das vom englischen Regisseur Ramin Gray inszenierte Stück ist spannend konstruiert und bietet gutes Rollenfutter für zwei starke Schauspieler. Als Claire spielt Franziska Hackl einen Gutmenschen, der durch die "Ereignisse" den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat. Ihre Trauerarbeit hat etwas Manisches, und am Ende wird sie, das Opfer, beinahe selbst zur Täterin. Ihr Bühnenpartner Florian von Manteuffel spielt nicht nur den "Jungen", sondern auch alle anderen Männer und Frauen, mit denen Claire zu tun hat. Die Verwirrung, die dieser Kunstgriff immer wieder auslöst -wer spricht da jetzt gerade? - ist Absicht: Aus Claires traumatisierter Perspektive ist die ganze Welt zum Täter geworden.

Zum ungewöhnlichen Konzept gehört auch, dass in jeder Vorstellung ein anderer Chor auf der Bühne steht (diese Woche am Samstag die Chorvereinigung Wien-Neubau, am Sonntag Jedweder Küchenchor). Dieser stellt einerseits natürlich Claires Chor dar, repräsentiert zugleich aber auch -ähnlich wie in der griechischen Tragödie - das Volk, also uns. Anders als bei den alten Griechen bleibt die erlösende Katharsis hier am Ende allerdings aus. Auf manche Fragen gibt es eben keine befriedigende Antwort.

Schauspielhaus, Sa 20.00, So 19.00


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