Selbstversuch

Und den Look von Sophie Marceau in "LOL“, danke

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 50/13 vom 11.12.2013

Doris Knecht ist gefangen im Dankbarkeitsvakuum

Kaum hat man beschlossen, ein guter Mensch zu werden und nicht mehr im Internet-Versandhandel einzukaufen, wünschen sich die Mimis vom Christkind lauter Geschenke, die es in der begehrten Form ausschließlich im Internet gibt. Bzw. eines der Mimis, jenes, das eine detaillierte, schön ausgearbeitete Wunschliste auf dem Kühlschrank hinterlassen hat, deren Länge einen nur im ersten Moment erschreckt. Im zweiten Moment ist es viel erschreckender, was das andere Mimi sich wünscht, denn es wünscht, überrascht zu werden. Was?!? Um Himmels willen!!!

Kinder überraschen ist nett, wenn sie zwei, vier, sieben Jahre alt sind, also solange sie ans Christkind glauben, denn genauso lange kann man die Schuld an den un- und minder-erwünschten Präsenten unter dem Baum auf eine höhere Instanz schieben. Sobald klar ist, dass nicht das Christkind unaufmerksam, verständnislos, im Stress oder total unsensibel war, sondern die beiden Erwachsenen, die hinter dem Kind eine frohe, aber leider völlig überzogene Dankbarkeitserwartungshaltung eingenommen haben, kann es nachhaltig bitter werden.

Aber Dankbarkeit ist ja in der Nachwuchsaufzucht sowieso keine Kategorie, auf die man bauen sollte. Gleich vergessen, dann erspart man sich Situationen wie jene, in der eine genervte Mutter die überreichten Nikolaussäcke wieder zurückzieht, weil ein Kind anstatt "Danke“ gesagt hat, dass aber erst morgen der 6. Dezember ist. Ja gut, dann nicht. Nun war das wahr und eigentlich kein Vergehen, welches einen derart drastischen Süßigkeitenentzug rechtfertigt, außer man stellt es in einen Kontext mit Wochenenden in Berlin und im Wellnesshotel, die die Mutter erst unlängst ermöglichte.

In Berlin maulte sich das eine Kind mit seiner hungrigen Restfamilie durch Kreuzberg, an einem netten Restaurant nach dem anderen vorbei (vietnamesisch, polnisch, venezolanisch, tunesisch, japanisch, vegetarisch, mexikanisch, russisch, libanesisch und spanisch), bis die mürbe Familie endlich bereit war, eine Dönerbude aufzusuchen, um dem Kind dort eine doppelte Portion Pommes zu bestellen. Das wird einfach nicht besser, wie sich auch am Vorspeisenbuffet des Wellnesshotels zeigte, wo das Kind an gut 80 Platten mit Vorspeisen vorbeizockelte und mit einem Stück Brot, einer Butterflocke und einem Antlitz aus reiner Resignation wieder an den Tisch zurückkehrte. Für den nachts voller Mutterliebe gefüllten und aufgehängten Adventkalender wurde mit der Bemerkung gedankt, dass zwei Sackerln vertauscht seien, nämlich das 16er und das 23er. Irgendwann ist der Wille, so viel Undankbarkeit inmitten eines derartigen Überflusses zu akzeptieren, einfach erschöpft. Heuer war es am 5. Dezember.

Apropos Weihnachten, ich wünsche mir eine selbstentrümpelnde Wohnung, ein Raclette-Set, den Look von Sophie Marceau in "LOL“, dass irgendjemand die Blende unter dem Kühlschrank repariert und eine Frisur, die mir steht. Meine Dankbarkeit wird nicht enden wollen.


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