Film Neu im Kino

Roh, räudig, rabiat: "Sickfuckpeople"

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 50/13 vom 11.12.2013

Nur wenige Sekunden währt die Freude. Es ist Sommer, und die Jugendlichen genießen diesen besonderen Moment auf dem Jahrmarkt. Doch es ist eine trügerische Idylle, denn etwas scheint nicht zu stimmen, man merkt es an den plötzlich ernsten Gesichtern und an einem im Hintergrund leise dröhnenden Ton. Ein Zwischentitel schlägt das erste Kapitel auf: "Childhood". Es folgen Totalen einer hässlichen Stadtlandschaft: Odessa. Im nächsten Augenblick ist die Kamera zu den Jugendlichen in ein Kellerloch hinabgestiegen. Hier hoffen sie den mittlerweile kalten ukrainischen Winter zu überleben. Ein winziges Loch in der Mauer genügt ihnen als Durchschlupf, draußen betteln sie auf den Straßen, im Keller kochen sie sich Suppe, rauchen, spritzen Drogen. Juri Rechinsky ist bei ihnen, schaut aus nächster Nähe zu. Filmt in Großaufnahmen Szenen, die viele andere Filmemacher nicht zeigen würden.

Obwohl dieser erste Teil nur 20 Minuten dauert, bestimmt er "Sickfuckpeople" nachhaltig. Nicht aufgrund der Radikalität seiner Bilder, die die öffentliche Wahrnehmung dieses Films nach den ersten Festivalauftritten dominiert, sondern weil er das Fundament dessen ist, wovon Rechinsky in zwei weiteren Kapiteln ("Two Years Have Passed") berichtet: Einer der Jugendlichen kehrt auf der Suche nach seiner Mutter in sein Heimatdorf zurück - und findet eine Gemeinschaft voller Hass auf den Rest der Welt. Im letzten Kapitel kämpft eine junge, drogensüchtige Frau darum, ihr Kind zur Welt bringen zu dürfen. Weil er aus dem Elend eines Kellerlochs herausfindet, so wie er in dieses hineingestiegen ist, entgeht "Sickfuckpeople" dem Vorwurf des Voyeurismus. Obwohl er bis zum Ende ein roher, vielleicht sogar räudiger Film bleibt, erzählt er damit doch vom Versuch des Ausbruchs und der Selbstbestimmung. Auch wenn es nicht stimmt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Top)


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