Nüchtern betrachtet

Mein bester Verrat und mein Weihnachtswunsch

Feuilleton | aus FALTER 51/13 vom 18.12.2013

Vor 37 Jahren war Wien zu Weihnachten glaciert, als ich meine Wahltante in der Josefstadt besuchte. Auf dem Weg dorthin begegnete ich zufällig meinem alten Klassenvorstand, einem nicht unbizarren Mathematikprofessor, der in einem mausgrauen oder kotzefarbenen Kittel zu unterrichten pflegte und eine typografisch sehr eigenwillige Zwei schrieb. Er wäre zwar nicht meine erste Wahl für den gemeinsamen Verzehr eines Stanitzels Kirschen gewesen, verfügte aber über verborgene Quellen der Freundlichkeit und Lockerheit, die er zu raren Anlässen anzuzapfen pflegte - etwa an jenem geeisten Weihnachtstag. Er schien tatsächlich erfreut, mich, der ich gewiss nicht zu seinen talentiertesten Schülern zählte, zu sehen und sprach mich mit dem Vornamen an, dem er sogar noch ein "-i“ anhängte.

Dieser, aller sozialistischer Geneigt- und Gesonnenheit hochgradig unverdächtige Mann war es auch gewesen, der mich aufgefordert hatte, das ÖVP-Pickerl zu entfernen, das damals auf meiner unförmigen Schultasche


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