Selbstversuch

Das funktioniert ja gar nicht, das tut nur so

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 51/13 vom 18.12.2013

Auch diesmal wieder große Überraschung darüber, wie frustriert die Leute über die neue Regierung sind. Dagegen hilft eine über die Jahre verfestigte, nun stahlbetonstabile Politikverdrossenheit, die einen regierungsbildungstechnisch vollkommen frustrationsresistent gemacht hat. Weil im Ernst jetzt: Wer, außer vielleicht ein paar idealistischen Erstwählern, hat sich etwas anderes erwartet? Auf welcher Basis? Aufgrund welcher Erfahrungen? Auf welchen Drogen? In einem anderen Land mag die Hoffnung berechtigt sein, Politiker und Parteien zögen aus Wahlniederlagen vernünftige, visionäre Schlüsse; dass sie es in Österreich nicht tun, wissen wir schon ein bissi länger.

Dieses Land ist nicht wie andere. Es ist eine Art Minimundus, von außen sieht es aus wie ein richtiges kleines Land, ein Landi mit richtigen Häusern und Straßen, mit Regierungsgebäuden, Schulen, Universitäten und Gerichten, aber wenn man hineinschaut durch die kleinen Fenster, sieht man: Das funktioniert gar nicht richtig, das tut nur so, als ob.

In diesem Landi ist deshalb normal, dass nach mehr als 70 Koalitionsverhandlungstagen vordringlich Steuern auf Schnaps beschlossen werden, und die Wissenschaft ist nicht so wichtig. In diesem Landi bekommt der kleinere Partner alle wichtigen Ministerien, weil’s ja eh wurscht ist. In diesem Landi überlässt man das Ministerium, in dem ein bissi Erfahrung, Weltläufigkeit und Gravitas gefragt wären, einem 27-Jährigen, der’s lieber geil hat. In diesem Landi braucht man keine Quoten, und wenn jetzt eine Frau weniger als bisher in der Regierung und damit nur ein Drittel der Regierung weiblich ist, macht das nichts, weil ja sowieso alles bald von selbst besser wird.

Der Rückzug ins Private und in die Individualidylle ist in so einem Landi die logische Folge und kann einem eigentlich nur von Menschen verübelt werden, die, s.o., viel bessere Drogen haben.

Deshalb freut man sich jetzt auf Weihnachten. Ja, man freut sich, ganz gegen den Trend. Man findet es wunderbar, und es wird schön sein und nett und lustig, mit den Kindern, dem Langen und allen anderen Familienmitgliedern, man wird singen unterm kerzenglitzernden Baum und sich freuen, und man wird essen, so viel man mag. Und dann wird man das letzte Jahr noch einmal durchdenken und vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass man es gar nicht so schlecht hingekriegt, weil man das Leben ein wenig entrümpelt und an der Selbstoptimierung zumindest ernsthaft gearbeitet hat. Und weil man den Vorsätzen, mehr von dem zu machen, was einem guttut, und weniger von dem, was einem selbst und anderen schadet, zumindest einigermaßen entsprochen hat: sodass man die für 2014 eigentlich nur aufzupolieren und gar keine neuen braucht.

Vielleicht, dass man noch mehr von den zehn Dingen berücksichtigt, die glückliche Menschen anders machen (google: 10 things happy people do differently). Sich über eine unüberraschende Regierung zu ärgern gehört übrigens nicht dazu.


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