Sperrfeuer der Sensationen

Die Artistik-Show "Afrika! Afrika!" sorgt für das höchste Sixpack-Aufk ommen in der Stadt

Lexikon | Klaus Nüchtern | aus FALTER 51/13 vom 18.12.2013

Zwei Dinge sind es, die Zirkus so deprimierend machen: die Viecher und die Clowns. Erstere werden durch unwürdige Abrichtung um ihre Anmut gebracht; Letztere sind immer unlustig, werden durch die ausschließlich auf Mitleid basierenden Publikumsreaktionen aber leider dazu angestiftet weiterzumachen, als verhielte es sich nicht eben so. Ein Rie-sen-irr-tum!

Die Chinesen haben das längst geschnallt und in ihrem Nationalzirkus die animalische Komponente gestrichen. Und auch André Heller hat sich bei "Afrika! Afrika!", seiner kontinentalen Leistungsschau begnadeter Körper, schlauerweise auf Angehörige der Gattung Homo sapiens beschränkt. 77 (vom Rezensenten nicht nachgezählt) Artistinnen und Artisten sorgen in knapp zwei Stunden (mit einer kinder-, raucherund alkoholikerfreundlichen Pause) dafür, dass den Zusehern das Unterkiefer vor Staunen nach unten klappt und bis zur finalen Verabschiedung, wenn die Künstler aus 14 verschiedenen Ländern ihre Nationalflaggen schwenkend alle noch einmal auf die Bühne kommen, nicht mehr oft hochgezogen wird.

Insgesamt ist es fast ein bisschen zu viel, was hier alles abgeht. Eine halbe Stunde tribalistische Tanzvirtuosität ist vielleicht nicht jedermanns oder -fraus Sache, aber den meisten Truppen würde man gut und gerne die doppelte und dreifache Zeit zusehen. Hinzu kommt, dass die Sinne einem Sperrfeuer der Sensationen ausgesetzt sind; und so lässig die von einer Band live dargebotene Musik auch sein mag, mitunter wäre man für ein bisschen Stille richtig dankbar. Die Augen sind, weiß Gott, beschäftigt genug, wobei die Lichtregie mit ihren Filmen, raumillusionistischen Effekten und farbenfrohen Projektionen den Performances mitunter sogar etwas von ihrer Kraft nimmt, schlicht weil man die Artisten nicht allzu gut sieht. Zum Glück sind die einzelnen Darbietungen so stark, dass sie sich auch gegen gelegentlichen inszenatorischen Overkill durchsetzen.

"Afrika! Afrika!", für dessen Choreografie auch diesmal wieder der von der Elfenbeinküste stammende Georges Momboye sorgte, ist ganz generell von großer Grundhibbeligkeit: Stillstehen geht gar nicht. Alle sind immer am Abshaken, es sei denn, sie sind mit der Bereitstellung von Leitern oder anderen Gerätschaften befasst.

Die Artisten der Show könnte man danach einteilen, ob sie hauptsächlich sich selbst, Dinge oder beides bewegen. In letztere Kategorie fielen zum Beispiel die Basketball-Akrobaten von Acrodunk. Die kommen zwar - so wie auch die Brooklyner Breakdance-Posse MainEventt - aus den USA, aber der "Kontinent des Staunens" ist offenbar ethnisch und nicht geografisch definiert. Das Programm der jungen Burschen, die den Ball unter Zuhilfenahme eines Trampolins auf möglichst unorthodoxe Weise im Korb versenken, ist jedenfalls so virtuos, dass es der Begeisterung auch keinen Abbruch tut, wenn eine der Ballstafetten nicht ganz so abläuft, wie es offensichtlich gedacht war. Auch Michael van Beek ist Basketballer, bewegt sich aber schon im Zwischenbereich von Ballsport und Jonglage. Die Bewegung ist hier Selbstzweck; der Ball wird am Kreisen, Rollen und Springen gehalten, da muss er nicht auch noch im Korb versenkt werden.

Mit psychedelisch bemalten und umso eindrucksvoller rotierenden Wasserschaffeln hantiert der aus einer ghanaischen Artistenfamilie stammende Dickson Oppong. Dazu stößt er ständig mächtige Wasserfontänen aus -wie das geht und woher er das viele Wasser nimmt, bleibt ein Rätsel. Trick ist es angeblich keiner. Wenn es einen Clown im Programm von "Afrika! Afrika!" gibt, dann ist es Oppong. Nachdem er aber nicht bloß lustig sein will, sondern tatsächlich etwas kann, bleibt die übliche clowninduzierte Depression beim Publikum in seinem Falle aber aus.

Ganz klassisch mit den genreüblichen Bällen hantieren ein Jongleur und eine Jongleuse. Ihr Auftritt bringt auch einen Hauch von Luxus in die Halle: Die Menschen, die zugleich mit ihnen auf der Bühne sind, haben offenbar nichts anderes zu tun, als flamboyant gekleidet zu sein und gut auszusehen.

Apropos gutaussehend: Die Schauwerte der Show kämen durchaus auch zur Geltung, ohne dass irgendwer groß etwas machen müsste. Ein derartig dichtes Aufgebot an Sixpacks, an durchtrainierten und ausdefinierten Männerkörpern wird man zurzeit nicht so bald wo zu sehen kriegen. Die Frauen haben meist etwas mehr Stoff am Leib, sind aber auch nicht eben unansehnlich. Dennoch kann es fast schmerzlich sein, den Artisten und Artistinnen bei der Arbeit zuzusehen: Wenn sich der Kontorsionist durch ein Racket fädelt oder sich die Schlangenfrau die Beine über die Schultern hängt, springen einem ja vom bloßen Zusehen, die Gelenke aus der Pfanne. Don't try this at home!!!

Wiener Stadthalle, Halle F, 22.12. bis 16.1.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige