Ausstellung Kritik

Kronprinz Rudolf als kleiner Gondoliere

Lexikon | NS | aus FALTER 51/13 vom 18.12.2013

Bei der großen "Kinderhuldigung" in Schönbrunn im Jahr 1908 gratulierten tausende kleine Untertanen ihrem Kaiser zum 60-jährigen Regierungsjubiläum. Historische Fotografien der Gratulantenmasse in Rüschenkleidern und Matrosenanzügen zeigt derzeit die Ausstellung "Kinder, wie die Zeit vergeht" im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Schau setzt mit einer interessanten Vitrine ein, die Aufnahmen der Völker der Monarchie versammelt. Bilder wie jenes von türkischen Buben mit Fez im Kosovo wurden auch für Enzyklopädien angefertigt. Eine andere Vitrine widmet sich Kronprinz Rudolf, der sich vom militärischen Drill seiner frühesten Kindheit nie erholte. Die Porträts des "k.k. Hof-Photographen" Ludwig Angerer zeigen den Dreijährigen 1861 in Uniform, später in verspielten Inszenierungen als Gondoliere. Erzherzogin Marie Valerie posiert ernst mit Bernhardiner, hingegen lacht die spätere Herzensbrecherin Alma Schindler bereits als Mäderl spöttisch in die Kamera. Höhepunkte der Schau bilden die Aufnahmen, die Heinrich Kühn und Ferdinand Schmutzer von ihren Kinder geschossen haben: Kühns farbige Autochrome geben impressionistisch-weiche Kinderszenen wieder, Schmutzer fängt um 1914/15 ungestellte Familienzärtlichkeit ein.

Die Ausstellung schafft mit Fotos von 1870 bis 1970 einen guten Mix aus künstlerisch wertvollen Bildern (u.a. Madame D'Ora, Lothar Rübelt) und dokumentarischen Aufnahmen. Die düsteren Kapitel wie Kinderarbeit, Disziplinierung und Weltkriege werden ebenso behandelt wie die ideologische Bildunktion, etwa in Fotografien des Roten Wien, NS-Propagandabildern oder kitschigen Wien-Ansichten der US-Behörden. Die kapitalistische Funktionalisierung von Kindergesichtern führen hingegen Werbetafeln vor.

Österreichische Nationalbibliothek, bis 23.2.


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