Karl Kraus

Wien 1914, New York 2014

Feuilleton | Essay: Armin Thurnher | aus FALTER 02/14 vom 08.01.2014

Über Faszination, Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit des Satirikers und Herausgebers der Fackel. Und über die Aktualität seiner Kritik

Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles - rot. Einen solchen Tag hat Wien nicht wieder erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Straßen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesen aus einem roten Heft“. So beschreibt Kraus’ Mitarbeiter Robert Scheu die Wirkung der ersten Fackel-Ausgabe. Kraus deckte Skandale und Affären auf, Whistleblower hatten in ihm eine unbestechliche Anlaufstelle.

Kraus attackierte eine Justiz, deren Richter den Räuber eines Bagatellbetrags zu lebenslanger Strafe verurteilten. Er verteidigte das Recht auf freie Sexualität und nahm Prostituierte in Schutz vor Justiz und Doppelmoral. Später wandelte er sich vom Aufdecker zum Sprachmagier, zum Krieger gegen den Krieg, zum Republikaner und am Ende - gegen Hitler - zum Unterstützer des Diktators Dollfuß. In seinen Lesungen schuf er


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