Logbuch

In anderen Familien wären jetzt alle tot

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 02/14 vom 08.01.2014

Wie jedes Jahr wurde auch in diesen Weihnachtsferien die These untermauert, dass Fortysomethings nicht mehr bei ihren Eltern wohnen sollten. Auf keinen Fall länger als drei Tage. Unter keinen Umständen acht Tage und acht Nächte lang. Und um Himmels Willen nicht im alten Kinderzimmer. Selbst dann nicht, wenn dieses längst zum Ankleidezimmer des alten Herrn geworden ist. Ganz besonders nicht, wenn es über kein Schloss verfügt und der alte Herr periodisch vergisst, dass seine erwachsene Tochter in seinem Ankleidezimmer einquartiert wurde und dieses ohne Klopfwarnung betritt.

Immerhin besteht die Hoffnung, dass er auch das vergisst. Niemals vergisst er dagegen, um 22 Uhr das Internet auszuschalten, wohl weil auch das Internet seinen gesunden Schlaf braucht oder weil es nach 22 Uhr tödliche Strahlen aussendet oder weil böse Satelliten in der Nacht seine Passwörter absaugen, ich weiß auch nicht, fragen Sie mich nicht, ich habe auch nicht gefragt.

Sein Haus, sein Ankleidezimmer, sein Internet. Sein Toaster, der stets exakt auf ein Achtel der zur Röstung einer Toastbrotscheibe notwendigen Zeit programmiert sein muss, sodass man sich bei jedem Toast sieben Mal wundern kann, dass er immer noch nicht ausreichend getoastet ist. Sein Toast, sein Frühstück. Auch so gesehen ist es eine nicht gering zu schätzende gesamtfamiliäre Leistung, dass man nach diesen acht Tagen und acht Nächten grollfrei auseinandergeht, unter liebevollen Umarmungen. In anderen Familien wären unter vergleichbaren Umständen zu diesem Zeitpunkt schon alle tot oder zumindest im Generalenterbungsmodus.

Dennoch wurde jedenfalls einseitig der feste Entschluss gefasst, auf Re-youthing-Erlebnisse dieses Ausmaßes künftig zu verzichten. Höchstens drei Tage nächstes Jahr, allerhöchstens vier oder fünf! Man erinnere mich daran!! Denn leider besteht äußerste Gefahr, dass man den guten Vorsatz im Laufe der nächsten 50 Wochen vergisst, um dann in sentimentaler Bewusstseinstrübung wieder zu denken: Ach die armen Mimis sehen ihre armen Großeltern, ihre armen Cousinen, ihre armen Tanten und ihren armen Onkel so selten, und wer weiß, wie lange diese Harmonie noch aufrechtzuerhalten ist und alles, bleiben wir doch sieben Tage. Oder acht.

Dann liegt man wie die Jahre zuvor in Resignation auf dem steinharten Schlafsofa und starrt auf das Monchichi-Pickerl, das man mit zwölf auf das Resopal des Einbauschranks gepickt hat und das auch dieses Jahr wieder niemand heruntergekratzt hat. Mysteriöserweise, in einem Pedantenhaushalt wie dem altvorderen, in dem am Christbaum die Glaskugeln symmetrisch und in offensichtlich exakt bemessenen Abständen hängen, und unter dem die Weihnachtsgeschenke der Mimis schon am Christtag besser verschwinden, da ihre evidente Unordnung die Stimmung des alten Herrn signifikant trübt.

Egal. Überstanden. 50 selbstbestimmte Wochen liegen vor uns, mögen sie herrlich sein.

Doris Knecht starrt nicht mehr auf das Monchichi


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