Tiere

A wie Anfang

Falters Zoo | aus FALTER 02/14 vom 08.01.2014

So wie bei Computern sollte auch das Jahr regelmäßig neu gestartet werden. Und da beginnt man am besten ganz am Anfang, dort wo der Buchstabe A haust. Da der Aal sogar doppelt so viel dieses buchstäblichen Neubeginns verheißt, schlängelt er sich klar an den Beginn der heurigen Tierparade. Dieser Fisch zeigt symbolhaft eine Parallele zum Verlauf eines Jahres: Er ist "katadrom“, das bedeutet, es geht mit ihm bergab. Aale schwimmen aus Binnengewässern flussabwärts bis in den Westatlantik, um sich fortzupflanzen. Auch das ist so unbekannt und rätselhaft wie das kommende Jahr, denn weder wurde je der Laichvorgang beobachtet noch wurden Eier gefunden. Die winzigen Larven schwimmen mit Hilfe des Golfstroms wieder zurück und wandern flussaufwärts. Dabei orientieren sie sich am Geruch der Gewässer. Aale können nicht nur einzelne Moleküle eines Duftstoffs wahrnehmen, sondern mit ihrer röhrenartig verzweigten Nasenhöhle auch dreidimensional riechen. Eine bewundernswerte Fähigkeit, die auch Menschen helfen könnte, sich in den Miasmen der Großstädte zu orientieren.

So weit der gute Teil, sonst geht es auch existenziell mit den Aalen bergab. Die Weltnaturschutzunion IUCN führt diese Fischart als "vom Aussterben bedroht“. Die Website "Fischbestände Online“ vermerkt allein für Deutschland einen "Verbrauch“ von knapp 1500 Tonnen pro Jahr und vermerkt lakonisch, dass dies einem Marktanteil von nur 0,1 Prozent entspräche. Wenn Wildtiere in amtlichen Listen nur mehr in Tonnen und nicht mehr als Individuen angeführt werden, dann ist - um es in Anlehnung an den Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan zu formulieren - die Statistik auch schon die Botschaft. Die sonst übliche, einfache Lösung wäre Nachzucht. Doch Aale lassen sich nicht in Gefangenschaft aufziehen. Die geschlüpften Larven verweigern jedes angebotene Futter und sterben ab. Da künstliche Reproduktion nicht möglich ist, werden die an der französischen Küste ankommenden Jungfische für die Aquakultur gefangen und dann in anderen Gewässern ausgesetzt. Allein dabei sterben bis zu 40 Prozent der Jungfische. Ein europäisches Fangverbot wird von Fischereiverbänden mit dem Argument abgelehnt, "die Fische würden ihre wichtigste Lobby verlieren“. Das ist ungefähr so, als wenn man durch Jagd auf Eisbären die Bestände schützen wollte. Aber vielleicht wird dafür das neue Jahr lustiger.

Peter Iwaniewicz, findet, dass Günter Grass in der "Blechtrommel“ den Aalfang durch Auslegen von Tierschädeln literarisch schön beschreibt aber fachlich falsch liegt

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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