Film Retrospektive

Moralische Anstiftung: die Politthriller der 1970er

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 02/14 vom 08.01.2014

Der Offizier des Nachrichtendienstes, der 1976 die Dreharbeiten zu "Der Richter, den sie Sheriff nannten" überwachte, wahrte in der Regel seine berufsmäßige Diskretion. Eines Tages jedoch wies er Yves Boisset auf einen Schaulustigen in Regenmantel und Hut hin. "Erkennen Sie ihn?", fragte er den Regisseur. Es handelte sich um Pierre Pourrat, genannt "Der Doktor", einen der meistgesuchten Verbrecher Frankreichs, an den die Figur angelehnt war, die Marcel Bozzufi im Film spielt. "Was hält Sie ab, ihn zu verhaften?", fragte Boisset erstaunt. Er sei unantastbar, erwiderte der Beamte, stehe unter dem Schutz des SAC, Charles Pasquas gaullistischer Miliz. Lächelnd fügte er hinzu: "genau wie in ihrem Drehbuch".

Selten kam das Kino der Realität so brenzlig nahe wie in den Politthrillern französischer und italienischer Provenienz, die das Filmmuseum vorstellt. Regisseure wie Boisset, André Cayatte oder Damiano Damiani drehten Filme aus agiler, empörter Zeitgenossenschaft. Kaum verschlüsselt griffen sie ungeklärte Affären auf, die dem Publikum genau in Erinnerung waren: die Entführung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka, die Ermordung von Alain Delons Leibwächter Stefan Marcovic oder des Lyoner Untersuchungsrichters François Renaud, der in Boissets Film Fayard heißt. In Francesco Rosis "Der Fall Mattei" und "Das Geständnis" von Costa-Gavras und Jorge Semprún tauchen Opfer und Täter gar unter ihren realen Namen auf.

Die Bandbreite der Repressalien gegen diese filmischen Anklageschriften reichte von verwehrten Drehgenehmigungen und Zensur bis zu offenen Todesdrohungen. Im Gegensatz zu Italienern wie Rosi, dessen Kino früh von staatsbürgerlicher Leidenschaft geprägt ist, wurden die Franzosen (mit Ausnahme des Justizfilm-Veteranen Cayatte) wesentlich durch den Mai 68 politisiert. Allen gemein ist die Abscheu vor Machtmissbrauch und Korruption sowie die beharrliche Frage nach den gesellschaftlichen Hintergründen. Dieses Kino der geistesgegenwärtigen Paranoia hat Meisterwerke der moralischen Anstiftung hervorgebracht. "Sie haben Vertrauen zur Justiz?", wird der fiktive Regisseur in Damianis "Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?" gefragt. "Nein", antwortet er, "zum Skandal."

Bis 6.2. im Österreichischen Filmmuseum


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