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Falters Zoo | aus FALTER 03/14 vom 15.01.2014

Die Jahresanfangsrituale, wie Glückwünschen und aus dem Gekröse des neuen Jahres die weitere Entwicklung voraussagen, sind erledigt. Wenden wir uns wieder mit augurenhaftem Blick der Wissenschaft zu und fragen uns, was das alles bedeuten soll. Forscher der Uni Duisburg-Essen haben Hunde bei alltäglichen Verrichtungen beobachtet und bei ihnen möglicherweise eine neue Fähigkeit entdeckt. Je nach Zeitung wurden dazu passende Überschriften gewählt. Die Presse fokussierte auf das Wesentliche und titelte fröhlich: "Hunde richten sich beim Pipi nach Norden“, während der Standard sich in allzu akademischen Details verlor: "Auch Hunde haben einen Magnetsinn“. Nur wenige Redakteure scheinen sich mit dem Lesen der Studie belastet zu haben, denn darin ging es keineswegs um den Stoffwechsel unserer besten Freunde, sondern um das Vorhandensein eines magnetischen Sinns, der auch schon bei mehr als 50 anderen Tierarten festgestellt wurde. Der Versuchsansatz zielte darauf ab, die Orientierung von Hunden in einer natürlichen, selbstbestimmten Position zu beobachten. Also bei der Miktion, der Entleerung der Harnblase, um es mal ganz schön zu formulieren. Und da zeigte sich, dass die Tiere sich vorzugsweise entlang der magnetischen Nord-Süd-Achse ausrichten.

Die Vermutung, dass es einen solchen weiteren Sinn im Tierreich geben könnte, ist so alt noch nicht. 1965 prüfte man zum ersten Mal die These, dass Vögel sich bei ihren Flügen am Magnetfeld der Erde orientieren würden. Dies erschien damals noch so seltsam, dass die Scientific Community dies erst Mitte der 1970er-Jahre als Tatsache anerkannte. Bis heute ist jedoch nicht geklärt, wo das entsprechende Organ für den Magnetsinn liegt. Es wurden zwar kleine magnetische, eisenhaltige Kristalle in Zellen gefunden, aber diese gibt es in der Netzhaut, der Nasenhöhle oder dem Schnabel vieler Tiere. Wie damit das Magnetfeld wahrgenommen und in Nervenimpulse umgewandelt wird, bleibt weiterhin rätselhaft.

Studien zur Magnetsensibilität von Menschen gibt es kaum und die wenigen sind nicht anerkannt. Falls Sie jetzt einen Pissoir-ungebundenen Miktionsselbstversuch planen und mittels Kompass ihre Achsenausrichtung überprüfen, bedenken Sie, dass öffentliches Urinieren in Deutschland als Ordnungswidrigkeit, in Österreich hingegen als Anstandsverletzung geahndet wird.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com

Peter Iwaniewicz vermutet, dass das Brüsseler Manneken Pis in Nord-Süd-Achse ausgerichtet ist


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