Film Neu im Kino

Fack ju Thomas Mann: "Klassenfeind"

LEXIKON | MICHAEL PEKLER | aus FALTER 03/14 vom 15.01.2014

Gesichter, immer wieder Gesichter -als ob in ihnen eine Antwort zu finden wäre. Doch in den Gesichtern der Schüler spiegelt sich nur kalte Ablehnung, und das des Lehrers bleibt so ausdruckslos, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Dabei beschuldigen ihn die Jugendlichen, am Freitod einer Mitschülerin schuld zu sein. Sabina war eine stille, introvertierte junge Frau, die von ihrem neuen Deutschlehrer Zupan (Igor Samobor), der die Klasse mit Thomas Mann und schlechten Noten traktiert, genau so abwertend behandelt wurde wie alle anderen. Doch dem Tod Sabinas ging unmittelbar ein Gespräch mit Zupan voraus -für die Mitschüler Grund genug, im kühl reflektierenden Lehrer einen Nazi zu sehen und die Verkörperung eines verachtenswerten Systems.

Kein einziges Mal verlässt der slowenische Regisseur Rok Biček in seinem Spielfilmdebüt "Klassenfeind" ("Razredni sovraznik") das Schulgebäude und konzentriert das Geschehen auch dort auf ganz wenige Schauplätze: Der schmucklose Klassenraum wird zur Arena; die leeren Gänge, in denen die Gespräche widerhallen, werden zu Orten der Vorbereitung auf den Kampf gegen die verhasste Autorität. Dass dieser Film auf die Frage nach einer möglichen Schuld keine Antwort gibt, versteht sich von selbst. Biček interessiert sich auch gar nicht für die individuellen Motive der Schüler, sondern ausschließlich für die Mechanismen von Unterdrückung und Rebellion. Dass die Phalanx der Schüler immer stärkere Risse bekommt, dient ihm ausschließlich als Baustein einer beispielhaft angeordneten Untersuchung: ein Film, dem selbst etwas Seminarhaftes anhaftet. Wenn sich die jungen Leute am Ende in die großen Ferien und ins Erwachsenenleben aufmachen, haben sie dennoch etwas gelernt: Man muss auf die eigene innere Stimme hören. Denn das System funktioniert immer.

Ab Fr im Stadtkino im Künstlerhaus (OmU)


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