"Alte Musik ist heute Kult"

Querköpfe der Alten Musik stehen heuer im Mittelpunkt der "Resonanzen" im Konzerthaus

INTERVIEW: MIRIAM DAMEV | aus FALTER 03/14 vom 15.01.2014

Im Wiener Konzerthaus gehen wieder die Resonanzen, das Festival für Alte Musik, über die Bühne. Dramaturg Peter Reichelt über wilde Querköpfe, musikalische Bizarrerien und die Lust an der Provokation.

Falter: Herr Reichelt, die Resonanzen stehen heuer unter dem Motto "Querköpfe". Warum?

Peter Reichelt: Das Festival soll eine Feier des Kindlichen sein, ein Plädoyer an das ewige Kind in uns. Neugierig, frech und unangepasst. Deswegen gibt es heuer statt der roten Lippen ein Mädchen und einen Buben, die sich die Zunge zeigen. Unlängst hat ein Mann bei uns angerufen und sich darüber empört. So ein Sujet gehöre sich nicht. Das sehen wir anders und appellieren an die gelegentliche Unvernunft in uns und die Lust an der Provokation, frei nach dem Motto: "Zunge zeigen erlaubt!"

Was macht einen Querkopf aus?

Reichelt: Dass er gegen den Strom schwimmt. Ein Querkopf kann vieles sein: ein Sturschädel, ein Exzentriker, ein Individualist, ein verschrobenes Genie, eine Nervensäge. Ein fantasiebegabter Mensch mit kreativem Eigensinn. Ein ewiges Kind.

Einer von diesen Querköpfen war der 1690 geborene Francesco Maria Veracini, mit dessen Oper "Adriano in Siria" das Ensemble Europa Galante die Resonanzen 2014 eröffnet.

Reichelt: Veracini wurde schon zu Lebzeiten "Capo pazzo", der "Wirrkopf", genannt. Er war der erste Geigenvirtuose seiner Zeit und komponierte aberwitzig schwere Violinsonaten. Der Legende nach riss ihn ein Streit mit dem Dresdner Hofkapellmeister Heinichen zu einem derartigen Temperamentsausbruch hin, dass er aus dem Fenster sprang und sich die Hüfte und ein Bein zweimal brach. Im Mittelpunkt seines Dramma per musica steht denn auch ein antiker Querkopf: der römische Kaiser Hadrian, der nicht nur aufgrund seiner unangepasst friedfertigen Politik viele erbitterte Feinde hatte, sondern auch mit so mancher Tradition kaiserlicher Selbstdarstellung brach. Zum Beispiel ließ er sich als erster Kaiser mit Bart abbilden - ein Skandal im antiken Rom.

Auch der Frankoflame Alexander Agricola galt als unangenehm und unangepasst. Trotzdem war er als Sänger und Komponist so begehrt, dass sich gleich mehrere europäische Höfe um seine Dienste rissen. Warum wurde sein Schaffen, im Gegensatz zu jenem seines kongenialen Kollegen Josquin Desprez, so vernachlässigt?

Reichelt: Vielleicht liegt das an Agricolas exzentrischem Stil, der die Ausgewogenheit eines Josquin Desprez vermissen lässt. Dabei sind es ja gerade die tollkühnen Bizarrerien seines Klanges sowie die erfindungsreiche, manchmal wie improvisiert wirkende Musik, die an Agricola faszinieren. Er war seiner Zeit weit voraus und drang in bis dahin ungehörte Bereiche musikalischen Ausdrucks vor. Das mag selbst heute noch ungewöhnlich, verrückt und seltsam erscheinen. Im Konzert lassen wir beide zu Wort kommen.

Erstmals bei den Resonanzen zu Gast ist u.a. das Prager Collegium 1704. Mit im Gepäck haben sie Jan Dismas Zelenka, ein Name, der heute weitgehend vergessen ist.

Reichelt: Zu Unrecht, denn Zelenka war nicht nur einer der eigenwilligsten, sondern auch einer der großartigsten Komponisten seiner Zeit. Ein Typ an der Wahnsinnsgrenze, dessen Musik sich an Erfindungsreichtum und Virtuosität vom Stil seiner Zeit deutlich abhebt. Vielleicht liegt es aber auch am langen Schatten seines berühmten Kollegen Johann Sebastian Bach, der ebenfalls in Leipzig tätig war. Zudem ereilte Zelenka wohl das Schicksal vieler Komponisten der damaligen Zeit: Sie waren Erfüllungsgehilfen ihrer mächtigen Arbeitgeber. So wie Telemann, der unglaublich produktiv war, bis ihn im hohen Alter eine schwere Schaffenskrise erfasste. Er wandte sich von der Instrumentalmusik ab und schuf als 84-Jähriger die großangelegte "Ino"-Kantate -sein letztes und zugleich visionärstes Werk, mit dem wir die Resonanzen heuer beschließen. Es ist bemerkenswert, wie Telemann sich hier bereits der Klassik zuwendet und eine ganz andere, neue musikalische Sprache spricht. Ein klarer Fall von Alterswildheit!

In den vergangenen 22 Jahren haben die Resonanzen maßgeblich zum Alte-Musik-Boom in der Klassikbranche beigetragen. Wo sehen Sie die Originalklang-Bewegung heute?

Fröhlich: Alte Musik ist heute Kult. Die Zeiten, in denen das Publikum mit Birkenstock-Schlapfen in Verbindung gebracht wurde, sind zum Glück längst vorbei. Auch technisch und klanglich hat sich die Szene enorm weiterentwickelt. Schade ist, dass viele Musiker das immergleiche Repertoire spielen und der Pioniergeist in der Alten Musik etwas in den Hintergrund gerückt ist. Deshalb suchen wir unermüdlich nach musikalischen Schätzen, die in den Archiven und Bibliotheken schlummern und nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Konzerthaus, 18. bis 26.1.


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