Fotografie Kritik

Ins ewige Eis und auf das Dach der Welt

LEXIKON | NS | aus FALTER 03/14 vom 15.01.2014

Brav sitzt der Luchs am Flussufer, so als würde er für die Kamera posieren: Mit einer selbstgebauten Blitzlichtanlage fuhr der Fotoamateur George Shiras um 1900 nächtens im Boot herum und schreckte Wildtiere auf. Seine 1906 publizierten Aufnahmen sind nun in der Schau "Die Welt im Heftformat. National Geographic 1888-1950" bei Westlicht zu sehen. Das US-Fotomagazin diente als Medium der 1888 in Washington D.C. gegründeten Gesellschaft, die sich die "Erweiterung des geografischen Wissens" als höchstes Ziel gesetzt hatte. Die nun aus dem Archiv der National Geographic Society ausgewählten Vintage Prints führen dementsprechend in den Dschungel ebenso wie auf das Dach der Welt und bis in die Tiefen des Meeres.

Es spricht sehr für die Schau, dass die Aufnahmen größtenteils nach Fotografen präsentiert werden. Viele Expeditionen wurden im Magazin publik gemacht, etwa Robert Falcon Scotts Antarktis-Tour 1911 bis 1913, die Herbert Ponting in starken Bildern verewigte. Die gegerbten Gesichter der porträtierten Expeditionsmitglieder vermitteln die Strapazen des ewigen Eises. Der legendäre US-Archäologe Hiram Bingham sorgte ab 1911 für die Freilegung und Publikation der Inka-Stadt Machu Picchu. Nach Afrika und Asien führen die Expeditionen von André Citroën, die von Georges-Marie Haardt fotografisch begleitet wurden und bei ihrem Abdruck im National Geographic auch als PR-Coup für den Automobilhersteller dienten.

Die Schau bietet viele Gustostückerln, etwa Porträts von "Alpine Villagers", die 1929 eine Wachauer Dirndlträgerin zeigen, oder ein Foto eines Atomtests in der Wüste von Nevada 1952. Begleittexte sind leider Mangelware und so bleibt der Publikationskontext vielfach offen, etwa wie Wilhelm Gloedens homoerotische Fotos junger Sizilianer im Geografenheft präsentiert wurden.

Westlicht, bis 2.3.


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