Film Neu im Kino

Im Blick der Hinterbliebenen:

LEXIKON | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 03/14 vom 15.01.2014

Roque Dalton (1935-1975) war ein Mann mit ungewöhnlichem Namen, kurzem Leben und zwei Leidenschaften: Literatur und Politik. Als Sohn eines US-Amerikaners und einer Salvadorianerin wurde er zu einem der bedeutendsten Dichter El Salvadors, als kommunistischer Journalist und Revolutionär lebte er, zweimal der Exekution entkommen, in Mexiko, Kuba und Prag. Im 40. Lebensjahr wurde der ausgebildete Guerillero von ERP-Genossen ermordet.

Mit "Roque Dalton - erschießen wir die Nacht!" hat die österreichische Regisseurin Tina Leisch dem Dichter einen unkonventionellen Dokumentarfilm gewidmet, dessen Sichtung vorhandenes Hintergrundwissen zuträglich ist. Auf der mitteleuropäischen Leinwand tritt Dalton bei Leisch wie in den Straßen El Salvadors in Erscheinung -als hochberühmter Mann. Da wird nicht mit der Kindheit begonnen: Im lebensgroßen Pappformat wird er als Schwarzweißfoto ins Bild getragen. So steht er still dabei, wenn die Hinterbliebenen über ihn berichten, aus seinem Werk vorlesen. Von seiner Frau, seinen Söhnen und seiner Geliebten über Freunde, Weggefährten und Genossen bis zu zufällig Befragten erzählt jeder einen persönlichen Teil der Biografie Daltons, wirft jeder ein eigenes Schlaglicht auf die Vergangenheit.

Die große Zahl an schnell wechselnden Interviewpartnern, deren Beziehung zu Dalton teils bis zum Abspann unklar bleibt, beweist nicht nur, wie viele Menschen der Dichter zeitlebens kannte, beeindruckte und bis heute mit seinem Werk berührt, sondern stellt auch eine Herausforderung für das Publikum dar, das Gesamtbild zusammenzusetzen. Spätestens, wenn die Pappfigur zum Leben erwacht und die grauen Lippen aufklappt, droht die üppig-verspielte Inszenierung vom Inhalt abzulenken.

Ab Fr im Filmhauskino (OmU)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige