Aus dem Leben einer Baumwollfaser: "Das Ding“ in der Drachengasse

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 04/14 vom 22.01.2014

Das Ding, das sich wie ein weißer Faden durch dieses Stück zieht, ist eine Baumwollfaser. Sie wird auf einer ökologischen Plantage in Afrika gepflückt, nach China verschifft, zu einem Fußballtrikot verarbeitet und nach Deutschland verkauft.

Dort landet es am Körper des Nachwuchskickers Patrick, der darin viele Tore schießt und einen Verkehrsunfall baut, bei dem seine Schwester Julia stirbt. Später geht das Trikot in den Besitz von Patricks jüngerer Schwester Katrin über, die sich darin via Webcam beim Masturbieren filmen lässt.

Katrin wird dann - ausgerechnet von dem Chinesen, der das T-Shirt einst nach Europa verkauft hatte - versehentlich niedergeschossen, das Ding wird dabei zerrissen, und das Trikot landet per Altkleidersammlung wieder in Afrika, wo der Baumwollpflücker von einst inzwischen die Firma Dead Men’s Clothes betreibt und das Trikot seiner kleinen Tochter schenkt.

Der deutsche Dramatiker Philipp Löhle, 35, hat die seltene Gabe, politisch relevante Themen satirisch überzeichnen zu können, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen. Mit "Das Ding“ (2011) ist in der Drachengasse (Regie: Sandra Schüddekopf) jetzt eines seiner besten Stücke zu sehen. Auf engstem Raum entwirft Löhle darin mit der Raffinesse eines Modellbauers das Bild einer globalisierten Welt, in der wirklich alles mit allem zusammenhängt.

Unglaublich, was in 100 Minuten alles Platz hat: Entlang des Baumwollkreislaufs erzählt das Stück unter anderem noch vom Scheitern einer Ehe und von einem globalen Kunstbetriebshype - Ex-Fußballer Patrick wird durch Zufall zum weltweit gefeierten Fotokünstler wider Willen.

Zwischen Jugokoffern und einem großen Regal (Bühne: Anna Fischer) reisen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler in der Drachengasse mehrmals um die Welt. Sie vermitteln dabei nicht zuletzt auch das pure Vergnügen, das eine gut erzählte Geschichte wie diese bereiten kann.

Bis 19.2. täglich außer So/Mo, 20 Uhr, im Theater Drachengasse


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