Selbstversuch

Heißer Käse, der über Kohlenhydrate fließt

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 04/14 vom 22.01.2014

Doris Knecht bleibt lieber im Bett

Nie ist die Welt so kuschelig und klein wie im Jänner, in keinem anderen Monat im Jahr. Tisch, Bett, Fernseher. Weihnachten ist vorbei, der Sommer ist noch weit, wer nicht im Februar Geburtstag feiert, hat nichts, worauf es sich zu freuen lohnt. Außer darüber, möglichst viel Zeit im Bett zu verbringen und alle verfügbaren Downton-Abbey-Folgen und Jane-Austen-Verfilmungen zu schauen. Und, okay, auf die Semesterferien, wo man, während alle anderen auf schmalen Schneestreifen über apere Almwiesen rutschen, noch viel mehr Zeit im Bett verbringen und Janeausteneskes schauen wird. Die Mutter wird hochfrequent in verschämtes Geschluchze verfallen, während die Kinder anfragen, ob sie bitte ausnahmsweise gleichzeitig Film schauen und mit dem Handy spielen dürfen, das sei nun doch ziemlich öd alles. Die Kleider eh schön, gut, aber sonst, dieses Getue wegen nichts immer, also, na ja.

Jänner; am liebsten würde man sich gar nicht mehr anziehen, gar nicht mehr aufstehen, alle Arbeit vom Bett aus erledigen, ungeduscht. Am liebsten auch alle Mahlzeiten im Bett einnehmen, vorzugsweise solche, bei denen heißer, flüssiger Käse sich mit Kohlenhydraten aus Weißmehl vermischt, anschließend Schokobananen, Geleefrüchte getunkt und Mozartkugeln in der Großfamilienpackung. Während im Fernsehen "Dschungelcamp“ läuft oder "Das perfekte Dinner“ oder sowas. In keinem anderen Monat ist die Lust, sich komplett gehenzulassen, größer als im Jänner. Und in keinem anderen hat man deswegen weniger ein schlechtes Gewissen, und wenn es ein gnädiger Jänner ist, kommt 31 Tage lang kein einziges Mal die Sonne heraus.

Aber okay, man ist eine Erziehungsberechtigte mit, zumindest theoretisch, Vorbildwirkung, müht sich also, nachmittags um halb fünf, wenn die Kinder heimkommen, weder mit dem Laptop auf dem Bauch im Bett vor dem TV-Gerät zu liegen, noch im Flanellpyjama. Stattdessen versucht man schon frühmorgens eine gute Mutter zu sein, steht zwanzig Minuten früher auf als eh schon und presst den jännergeplagten Kindern mit zwei verschiedenen Elektrogeräten flüssige Vitamine aus diversen Obst- und Gemüsesorten.

Bis einen der Guardian darüber informiert, dass Fruchtsäfte in etwa den gleichen gesundheitlichen Nutzen haben wie Coca-Cola. Man kann also ebenso gut länger schlafen und den Kindern ein Cola hinstellen. Nehmen sie eh besser an als Flüssigkeiten, die unübersehbar Randig enthalten, Randig! Und, wie man jetzt weiß, viel zu viel Zucker, der nun, die Indizien verdichten sich, als der nächste große, böse Feind in der Nahrungsaufnahme überführt wird, ein Suchtgift, das so abhängig macht wie Heroin und auf den menschlichen Organismus eine ähnlich mörderische Wirkung hat. Übel; Zucker ist für diese Familie sehr wichtig. Aber seine globale Ächtung ist unaufhaltsam; ich zögere nur noch, das den Kindern zur Kenntnis zu bringen. Nicht im Jänner, im März vielleicht.


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