Fragen Sie Frau Andrea

Das Mysterium der Baumgurke

Kolumnen | aus FALTER 04/14 vom 22.01.2014

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

am Wochenende haben wir mit Verspätung "Knut“ gefeiert, das Ikea-schwedische Weihnachtsbaum-Entsorge-Fest. Beim Abräumen fand ich in den Tiefen des Nadelgestrüpps eine einsame, gut versteckte Kugel. Meine Freundin sagte: "Hoi, die Weihnachtsgurke, wer sie findet, hat einen Wunsch frei.“ Wir hatten es dann noch sehr knallig miteinander. Woher die Sitte kommt, ist uns aber beiden nicht ganz klar. Bitte um Aufklärung!

Michael Schürsfeuer, Wien 2,

per NSA-Archivalie

Lieber Michael,

in US-amerikanischen Familien wird die Tradition hochgehalten, beim Schmücken des Weihnachtsbaumes ein gläsernes grünes christmas pickle (eine Weihnachtsgurke) ins Geäst zu hängen. Der seltsame Baumschmuck soll, durch seine Farbe gut getarnt, möglichst schwer auffindbar sein. Wer die Weihnachtsgurke findet (naturgemäß eine Aufgabe für Kinder), bekommt ein Extrageschenk. Die Amerikaner halten den Brauch irrigerweise für eine typisch deutsche Tradition. Allweihnachtliche Recherchen amerikanischer Journalisten und Blogger stoßen aber regelmäßig ins Leere, ist doch der Brauch in Deutschland völlig unbekannt. Parallel zur Praxis des Gurkenversteckens zirkuliert ein urbaner Mythos, der von einem 1842 in Bayern geborenen Soldaten des amerikanischen Bürgerkriegs erzählt, der im April 1864 in Gefangenschaft geriet und in der Lagerhaft, dem Tode nahe, seinen Gefängniswärter um eine allerletzte Gurke bat. Der erbarmte sich, weil gerade Weihnachten war, und spendierte John C. Lower, so der Name des deutschen Emigranten, ein Gnaden-pickle. Lower überlebte und hängte zur Erinnerung an seine Errettung alljährlich eine Gurke in den Baum. Dem Ersten, der sie finde, so das Ritual, verspreche dies ein ganzes Jahr Glück. Einen verschwörungstheoretisch hochwirksamen Keim für die Deutschland-Connection nähren Glashütten im thüringischen Lauscha, die seit 1847 Glasschmuck in Form von Früchten und Nüssen erzeugen und diese bis in die USA liefern. Die Glasgurkerln erfreuen sich auch heute großer Konjunktur und werden gemeinsam mit affirmativen Beipacktexten ausgeliefert. Um den Mythos in Österreich zu etablieren, müsste man zum Gurkerl wohl einen dazupassenden Glas-Goalie in den Baum hängen.


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