Tiere

Jahrmarkt

Falters Zoo | aus FALTER 04/14 vom 22.01.2014

Mir wird applaudiert, weil mich jeder versteht. Ihnen wird applaudiert, weil Sie niemand versteht“, scherzte Charlie Chaplin bei einem Treffen mit Albert Einstein. Auch wir kleinen Tierfreunde wollen gerne applaudieren und blicken hoffnungsvoll auf den mit zahlreichen Jahreswidmungen gedeckten Tisch. Damit der Mensch auf der Straße sinnvolle Orientierung in seinem sonst ziellosen Denken und Streben erfährt, bemüht man sich von den Vereinten Nationen abwärts um alljährliche Schwerpunktsetzungen.

Die Welternährungsorganisation ruft zum Beispiel 2014 zum "year of family farming“ aus. Wer hier glaubt, dass man heuer mehr Familien pflanzen will, beweist entweder mangelnde Lesekompetenz oder leidet unter Moria, der läppischen Witzelsucht. Egal, wir wollen hier den Tieren huldigen und verwenden dazu die Referenzliste des deutschen Naturschutzbunds, der alle "Jahreswesen“ auflistet. 1971 wurde von dieser Organisation erstmalig ein "Vogel des Jahres“ gekürt, um in Zeiten der zunehmenden Naturzerstörung, der Öffentlichkeit die Bedrohtheit einer bestimmten Art bekannt zu machen. Mittlerweile ist diese Liste inflationär auf 31 Kategorien angeschwollen. Der Grund dafür liegt nicht so sehr im gestiegenen Interesse der Bevölkerung, sondern eher im Wettstreit einzelner, eher unbekannter Organisationen um einen Platz an der Mediensonne.

Wenn der Bundesfachausschuss Entomologie die Goldschildfliege zum "Insekt des Jahres“ ausruft, dann kontert der Arbeitskreis Wildbienenkataster mit der Garten-Wollbiene als "Wildbiene des Jahres“. Was wiederum die Naturschutzstiftung nicht auf sich sitzen lässt und den Wolfsmilchschwärmer zum "Schmetterling des Jahres“ ernennt.

Die Namen mancher der ernennenden Organisationen erfreuen dabei mit ihrer poetischen Kraft, die wie der elegante Flug der kleinen Moosjungfer im frühen Licht der Märzsonne das Herz beglückt. Gewählt hat diese entzückende Libelle nämlich die "Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen“. Was gäbe ich für eine Visitkarte aus Schilfpapyrus, auf der in schlichten Lettern unter meinem Namen "deutschsprachiger Odonatologe“ steht.

In der Kategorie "Einzeller des Jahres“ wurde noch nichts festgelegt, vermutlich, weil in der Gesellschaft für Protozoologie nur ein Einzelner die ganze Arbeit macht.

iwaniewicz@falter.at

zeichnung: püribauer.com


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