"Die Leute haben dauernd Sex"

Sven Regener liest im Rabenhof aus seinem durchgeknallten Technoroman "Magical Mystery"

Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 04/14 vom 22.01.2014

Mit "Magical Mystery" hat Element-of-Crime-Sänger Sven Regener, 53, im vergan genen Herbst seinen vierten Roman vorgelegt. Der Held ist Frank Lehmanns alter Kumpel Karl "Charlie" Schmidt, der eine verrückte Reise durch das Techno-Deutschland der 90er erlebt. Am Wochenende füllt Regener mit dem Buch gleich dreimal den Rabenhof.

Falter: Sie greifen mit Karl Schmidt erneut eine Figur auf, die man schon aus "Herr Lehmann" kennt. Warum?

Sven Regener: Ich gebe mich Ideen hin, wenn ich die für so tragfähig halte, dass ich mich ein, zwei Jahre damit beschäftigen kann. Ich weiß aber nicht, wo die Ideen herkommen. Wahrscheinlich ist es einfach naheliegender, Ideen zu Figuren zu haben, die man schon kennt. Was ich mache, ist auf eine gewisse Weise wie Kasperletheater: Jetzt kommt der Kasper wieder raus, der Seppel, das Krokodil oder die Oma. In meinem Fall sind das eben Karl Schmidt oder Frank Lehmann.

Was hat Sie an Karl Schmidt interessiert?

Regener: Karl Schmidt ist am Ende von "Herr Lehmann" in die psychiatrische Abteilung eingeliefert worden. Die Frage, was aus ihm wird, hat mich viel mehr interessiert als die, was aus Frank Lehmann wird. Der ist stabil, der kommt überall heil raus. Karl Schmidt ist ein Mann wie ein Baum, fällt dann aber um und trägt auch nach Jahren, und obwohl er einigermaßen therapiert worden ist, immer noch eine Grundunsicherheit mit sich rum.

Und dann fährt er ausgerechnet einen Haufen Techno-DJs auf "Magical Mystery"-Tour kreuz und quer durch Deutschland!

Regener: Das ist das Letzte, was man einem Ex-Irren und Drogenwrack raten würde, wenn er aus einer betreuten Situation herauskommen will: mit einem Haufen Verpeilter durch die Gegend zu ziehen. Dieser exzentrische Weg scheint Karl aber zu helfen. Es ist halt ein Abenteuerroman. Und ein Abenteuer ist nur dann ein Abenteuer, wenn man sein Leben riskiert. Eine im Reisebüro gebuchte Abenteuerreise ist kein Abenteuer. Dass Karl Verantwortung für andere übernimmt, hilft ihm auch dabei, mit seinem eigenen Kram klarzukommen.

Frank Lehmann wird zwar kurz erwähnt, taucht aber nicht auf. Warum?

Regener: Ich hatte keine Lust, ganz hinten im Buch noch mal so ein Grundsatzgespräch zwischen den beiden zu bringen. Karl trifft ihn ja einmal fast. Aber sein Unterbewusstes sagt ihm, dass er sich nicht mit dem Typen treffen soll. Er hat ganz klar Angst davor, dem zu begegnen. Denn Lehmann würde ihm Fragen darüber stellen, was mit ihm passiert ist. Die Ravefreaks dagegen löchern Karl nicht, drum fühlt er sich bei denen auch wohl.

Sie haben in früheren Romanen über Punk geschrieben, jetzt geht es um die Technoszene. Überraschenderweise machen Sie sich nicht darüber lustig.

Regener: Das würde mich nicht interessieren. Ich mag den deutschen Dance. Ich habe das ab 1996/97 durch meine Frau Charlotte Goltermann kennengelernt, die das Elektroniklabel Ladomat 2000 gegründet hat. Dadurch war ich auch viel in Clubs, auf der Mayday und auf der Loveparade.

Was hat Ihnen an Techno gefallen?

Regener: Techno hatte so eine Sex-&-Drugs-&-Rock-'n'-Roll-Attitüde, die ich in den 90ern in der Rockmusik vermisste. Da war alles so brav. Die Grunger wollten nebenbei immer noch die Welt retten, statt sich auf ihre Kernkompetenzen zu beschränken. Das Tolle an Techno ist auch, dass jeder mitkann. Genau wie Punkrock funktioniert es voraussetzungslos. Ich habe vor diesem Dance-Ding großen Respekt, wie ich auch vor allen meinen Figuren Respekt habe. Es bringt nichts, Pappkameraden durch ein Buch laufen zu lassen, die nur für irgendwelche Prinzipien stehen.

Karls Schilderungen sind sehr detailliert. Nur die Sexszenen überspringt er.

Regener: Die gibt es auch in "Herr Lehmann" nicht. Ich habe daran auch als Leser kein Interesse. Ein Thema wäre es höchstens, wenn die Figur große Probleme oder Ängste beim Sex hätte. Dann müsste man das auch beschreiben. In diesem Fall hatte ich nicht das Gefühl, dass da weltbewegende Sachen passieren. Man weiß ja, wie es geht. Die Leute haben dauernd Sex. Und zu Recht wollen wir das meiste nicht wissen, denn so spannend ist das auch wieder nicht.

Sie sind sehr erfolgreich. Aber fühlen Sie sich als Autor auch ernst genommen?

Regener: Ernst genommen werde ich schon, sonst bekäme ich keine großen Rezensionen. Und "Herr Lehmann" ist in fünf deutschen Bundesländern Abiturstoff. Aber was wirklich bleiben wird, weiß man erst in 50 Jahren. Und natürlich hat man als erfolgreicher Autor ein bisschen das Problem, dass man als Hallodri gilt.

Rabenhof, Fr bis So 20.00


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