Farhadi bleibt der Trennung treu, die schlimme Vergangenheit in "Le Passé" ist neu

Feuilleton | FILMKRITIK: SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Es sieht aus wie die Begegnung zweier unsicherer Liebender: Durch eine Glaswand am Pariser Flughafen, wo die Französin Marie ihren iranischen Ehemann Ahmad abholt, werden Blicke ausgetauscht. Wenige Sekunden lang blitzt die Zuneigung auf, die die beiden füreinander empfunden haben, bevor Ahmad seine Frau und ihre in die Ehe mitgebrachten Töchter Lucie und Léa verließ, um nach Teheran zurückzukehren. Bereits im Auto aber beginnt der Streit.

Von der ersten Szene an zeigt "Le Passé -Das Vergangene", der neue Film des seit seinem oscargekrönten Werk "Nader und Simin" (2011) weltbekannten Asghar Farhadi, wie die Vergangenheit die Gegenwart überschattet. Marie will die Scheidung, und Ahmad muss erkennen, dass sie mittlerweile mit Samir zusammenlebt und auch dessen kleinen Sohn Fouad in die Familie aufgenommen hat.

Doch nicht nur die Scherben einer vor Jahren zerbrochenen Ehe gilt es aufzukehren. Marie bittet Ahmad, mit Lucie zu sprechen, die ihr aus dem Weg geht. Als er die Verschlossenheit der Jugendlichen zu ergründen versucht, stößt er auf eine totgeschwiegene, furchtbare Vergangenheit, die unter der Oberfläche der Patchworkfamilie brodelt.

Farhadi komponiert sein Werk um Betrug, Schuld, Verdrängung, Machtlosigkeit und innere Zerrissenheit als hochdramatisches Beziehungsgeflecht. In wechselnden Perspektiven - die Situation jeder Figur wird ausgeleuchtet - gestaltet sich das von wilden Gefühlsausbrüchen begleitete Ringen um eine befreite Zukunft als intensive Filmerfahrung und emotionales wie moralisches Wechselbad.

Und angesichts der überzeugenden Leistung der Schauspieler - allen voran die beeindruckende Bérénice Bejo als Marie -fällt es nicht so stark auf, dass es doch einigen konstruktiven, der Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht immer dienlichen Aufwandes bedurfte, um ein derartiges Beziehungsgeflecht entstehen zu lassen. F

Ab 31.1. in den Kinos (OmU im Votiv)


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