Selbstversuch

Ich habe es verschrien, meine Schuld

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Auf der Ideen-Wunderlist, Rubrik Falter-Kolumnen, finden sich folgende Einträge: "Tanzpartys! wieder urschick: s.a. M. Obama", "Anprangern: unerträglich humorloser, besserwisserischer Kulinarik-Talibanismus", "Detox: lustig!!", "Only Lovers Left Alive, öd und schlecht", "Männer in Zügen, die Hangover schauen", "Alkohol, Kiff, Koks, dgl.", "Kaffeekult vs. Coffekapton", "Umwelt-Bobos, nur bio, Vegetarier, Mülltrennen, aber Ski fahren auf der grüner Wiese super: s.a.: Wir haben geschneit."

Bei dreien will mir ums Verrecken nicht mehr einfallen, warum ich das notiert habe; möglicherweise ist es einfach irrtümlich in die falsche Wunderlist-Rubrik (Wunderlist: an und für sich suprige App für Huschi-Mütter und andere Wirrköpfe) geraten oder wurde von unterbezahlten Wunderlist-Praktikanten böswillig umgeschaufelt, um bei mir Zweifel an meiner geistigen Verfassung zu wecken. So wie letztes Mal, als sie mir die detaillierte Ikea-Einkaufsliste gelöscht haben, was einen samstagvormittäglichen Ikea-Besuch im Kreise der Familie nicht unbedingt optimiert. Aber ich hatte es da drinnen!, alles aufgeschrieben!, alles genau notiert!, da in diesem Handy, ich schwöre!!

Zugunsten des Langen muss gesagt werden, dass er sich dieses Mal unendlich tapfer hielt. Er fällte schon vor der Abreise die erwachsene und extrem idyllenfördernde Entscheidung, die erste Stunde allein in einem der benachbarten Einkaufszentren zu verbringen, was den Mimis und mir tiefe, ehrliche Seufzer der Erleichterung entlockte und gewisse Spielräume verschaffte.

Er stieß erst dazu, als wir mit den Servietten schon durch waren. Es gab eine kleine Irritation bei den Muf nförmchen, aber sie verging, ohne dass irgendwer die Stimme erhob, und auf die gleiche Weise meisterten wir auch die letzte brutale Herausforderung, die Geschenkpapierabteilung. Wir passierten die Kassa, ohne dass jemand leiden musste.

Es war einzigartig und wunderbar, und in der Tiefgarage übermannte mich die Rührung, und voller Dankbarkeit schmiegte ich mich an den Langen und pries die wundervolle Harmonie, dieses beglückende, unerwartete Idyll auf schwierigstem Terrain, das, tatsächlich, auch während des Einladens nicht angepatzt wurde. Dann sprang das scheiß Auto nicht an, und das war's dann. Ende Idylle. Ich hatte es verschrien, meine Schuld.

Zurück zur Wunderlist; hier wäre jetzt noch Platz für die Ski-Sache, weil ja auch gleich Ferien sind. Und weil die Mimis ständig bemitleidet werden, dass sie so gut wie die einzigen armen Kinder sind, die keinen Skiurlaub machen. Und überhaupt nicht Ski fahren. Das kommt von Leuten, die sonst total bio sind, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Naturbelassenheit; was aber, wenn's ums Skifahren geht, plötzlich keine Rolle mehr spielt: Schneekanonen, Liftverbauungen, künstliche Seen, alles paletti.

Passt schon, genießt eure Skiferien! Aber wenn's euch nicht allzu sehr stört, bleiberten wir daheim.


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