Tiere

Blödaugen

Falters Zoo | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Schimpfen ist wie Nasebohren - jeder tut es, aber keiner steht dazu. Dafür bräuchte man sich aber nicht zu schämen, denn der kreative Gebrauch von Schimpfworten basiert auf einer guten Kenntnis des Tierreichs. Pflanzen eignen sich zwar für blumige Reden, aber nicht für die pointierte Beschreibung missliebiger Personen. Ein im Zorn hervorgestoßenes "Du dummer Karfiol" vermittelt kaum die wesentlichen charakterlichen und ästhetischen Schwächen seines Gegenübers. Beflucht man diesen hingegen als "hiniches Hirschkipfl", dann entsteht sofort das bezeichnende Bild eines kränkelnden Paarhufers, der mit seinen ungeeigneten Vorderbeinen vergeblich ein Kipferl zu formen versucht.

Nach diesem Ball-und Demonstrationswochenende muss man aber schon lange nach einer passenden tierischen Unmutsäußerung suchen, die den Platzsperren, Vermummungsverboten, Gewaltausbrüchen und mangelhaften Distanzierungen beider Seiten gerecht wird. Nach lexikalischer Durchsicht bietet sich das "Blödauge" als zoologisch geeignetes Schimpfwort an. Das Tier selbst, eine an große Regenwürmer erinnernde eurasische Schlangenart, kann natürlich nichts für seinen Namen. Dieser wurde ihm im deutschen Sprachraum deswegen gegeben, weil es nicht nur auf einem, sondern auf beiden Augen blind ist. Als zwei dunkle Punkte kann man diese noch unter durchsichtigen Hautschuppen erkennen, aber mehr als die Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß ist mit diesen Sinnesorganen nicht möglich.

Wikipedia meint dazu: "Die Schlange ist an eine unterirdische Lebensweise angepasst (...) und kommt nur ausnahmsweise an die Oberfläche. Je nach Höhenlage und Temperatur hält sie oft monatelange Winterruhe. In manchen Gegenden kann sie jedoch auch ganzjährig aktiv sein."

Dabei war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "blöde" eine andere: Dieses verwendete man, um gebrechliche, zarte und furchtsame Qualitäten zu beschreiben. Erst in neuerer Zeit wurde der Begriff auf "schwachsinnig" eingeengt. In verstärkter, doppelter Verneinung verwendet man das Wort in der Phrase "sich nicht entblöden". Und diesem Ruf, sich als echtes menschliches Blödauge zu gebärden, sind bei einer wichtigen öffentlichen Kundgebung leider sowohl Polizei als auch manche Demonstranten und bei der nachfolgenden Diskussion hochrangige Repräsentanten gefolgt.

www.falter.at iwaniewicz@falter.at zeichnung: püribauer.com


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