Buch der Stunde

Fasanfreundliche Frau von Schafen verschluckt

Feuilleton | ERICH KLEIN | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Alles ist verquer in der Welt der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath (1932-1963). Deren lebenslange Depression samt Krankenhausaufenthalten wurde ebenso heroisiert wie die gescheiterte Ehe. Mit dem Gedichtband "Ariel" und dem kurz nach ihrem Selbstmord erschienenen autobiografischen Roman "Die Glasglocke" zählt die Plath zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

Die Gedichte des 1971 veröffentlichten Bandes "Übers Wasser" definieren das traditionelle Genre der "Bekenntnislyrik" neu. "Die Horizonte umringen mich wie ein Bündel von Reisig /Geneigt und ungleich und stets instabil" hebt das Eröffnungsgedicht "Sturmhöhen" an. Das lyrische Ich verrennt sich in eine menschenlose Landschaft mit Heidekraut und Schafen, wird von deren Blicken verschluckt, gerät in Todesangst und kehrt ins Dorf zurück: "Die Hauslichter schimmern wie Kleingeld."

Fast alle dieser 34 Gedichte führen zu derart lakonischen und überraschende Schlussbildern - auf dem Weg dorthin fallen Bemerkungen wie: "Es gibt kein Leben höher als die Grasspitzen." Die "Botschaft" ist lakonisch, eigentümlich provokant, fordert den Leser heraus.

Plath singt eine Hymne auf einen Fasan ("Töte ihn nicht!"), quält sich 30 Zeilen lang durch Brombeersträucher, eine idyllische Kindheitserinnerung oder die geschichtsträchtige Landschaft des "Finisterre"; sie wacht eine Nacht lang in der Mojave-Wüste -ihre Fremdheit wird, erzählerisch ausschweifend, immer bedrängender.

Der große Gestus dieser Gedicht-Gänge, wie der über Parliament Hill Fields in London, beruht dabei auf kleinen prägnanten Details: "Ein Kind verliert eine Haarspange aus rosa Plastik."

Tod und Wahnsinn scheinen hinter allen Dingen zu lauern -die Kunst der Sylvia Plath besteht im Ansprechen dagegen: "Die Rosen im Bierkrug gaben letzte Nacht den Geist auf. Höchste Zeit. / Ihre gelben Mieder waren am Platzen. / Du schnarchtest, und ich hörte die Blütenblätter sich ausklinken, / Klopfend und zuckend wie unruhige Finger."


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