"Hitler war relativ charmant"

Hauptdarsteller Gerhard Polt und Regisseur Frederick Baker über ihren Film "Und Äktschn!"

INTERVIEW: WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 05/14 vom 29.01.2014

Der bayerische Kabarettgigant Gerhard Polt, 71, spielt in seinem fünften Kinofilm "Und Äktschn!" den Amateurfilmer Hans Pospiech, einen unbedarften Provinz-Werner-Herzog. Für einen Wettbewerb dreht er mit einem Laien-Ensemble sein bisher ehrgeizigstes Projekt: "Hitler privat". Den Führer spielt der örtliche Musikalienhändler (Robert Meyer), die Wirtin (Gisela Schneeberger) gibt Eva Braun; in kleineren Rollen sind Michael Ostrowski, Erni Mangold oder Robert Palfrader im Einsatz. Regie führte der Austro-Brite Frederick Baker, der mit Polt das Drehbuch schrieb und auch beim Interview dabei war.

Falter: Herr Polt, ist "Und Äktschn!" Ihre Version von einem Hitler-Film?

Gerhard Polt: Es ist kein Hitler-Film im eigentlichen Sinn. Es ist ein Film über einen Menschen, der das Fürchten nicht gelernt hat. Dieser Filmemacher ist ziemlich medioker und übernimmt sich ständig. Er hat überhaupt keine realistische Vorstellung davon, was machbar ist und was nicht. Aber die Persiflage auf einen Hitler-Film war uns natürlich schon wichtig. Unser Ansatz war: Wenn man dem Hitler und seiner Entourage einigermaßen gerecht werden will, muss man sie mit Dilettanten besetzen.

Fällt Ihnen zu Hitler noch etwas ein?

Polt: Ich habe mich schon vor langer Zeit mit dem Historiker Werner Maser unterhalten, einem der führenden Hitler-Biografen. Der hat gesagt, dass man die ganze öffentliche Wahrnehmung von Hitler -entweder Dämon oder Kasperl -über Bord schmeißen kann; Maser meinte, der Hitler war mit Sicherheit ein relativ charmanter Mensch. Der muss einen Schmäh gehabt haben, sonst wäre er in München nicht groß geworden. Die Münchner Society hat den umarmt, die haben den ernst genommen -einen Menschen, der relativ ungebildet war. Auch seine Parolen waren in der Zeit ja nichts Besonderes -dass die Juden an allem schuld sind, hat damals jeder gewusst.

Pospiech hat ein völlig unreflektiertes Verhältnis zu Geschichte, nicht?

Polt: Ja, das ist in meiner Generation weit verbreitet. Oder auch eine Einstellung, wie sie Gisela Schneeberger im Film verkörpert, wenn sie über den Hitler sagt: "Immerhin hat der Mann einen Weltkrieg hervorgebracht!"

Pospiech ist ein Loser, der sich nicht unterkriegen lässt. Normalerweise hat so einer in einer Komödie dann doch noch Erfolg. Hier haben wir es mit einem aussichtslosen Fall zu tun.

Polt: Genau, das wird nix mehr. Aber wenn er nicht gestorben ist, dann dreht er noch heute. Leute wie der Pospiech sind für mich interessant, weil sie in ihrer Mittelmäßigkeit gefangen sind. Im Grunde ist er ja präpotent - aber das merkt er nicht einmal. Er ist kein Zyniker. Und er sagt so Sätze wie: "Wir sind nicht Provinz, wir sind Provence." Er behauptet einfach: Wo er ist, ist der Mittelpunkt der Welt.

Frederick Baker: Es ist auch ein Film über das Filmemachen. Das ist ein Beruf, kann aber auch eine Obsession sein. Amateurfilmemacher wie er machen das nicht wegen des Geldes. Als Profi bewundere ich das, zugleich ist es aber auch gefährlich: Er filmt gegen die ganze Welt an, das hat auch etwas von cineastischem Harakiri.

Pospiech ist ein Antiheld, als solcher aber durchaus sympathisch.

Polt: Der Pospiech ist nicht unsympathisch. Aber die sympathischen Menschen sind oft gefährlicher als die unsympathischen. Von einem Unsympathischen kann sich jeder sofort distanzieren. Bei einem Sympathischen tust du dir schwerer. Solche Leute kommen wie ein Bulldozer daher, geben ihre Plattitüden von sich und lassen eigentlich keinen Widerspruch zu.

Wäre "Hitler privat" im Ernst ein interessantes Projekt?

Polt: Selbstverständlich. Die Frage ist doch: Warum setzen sich bestimmte Leute durch? Man hat immer gesagt: Bildung schützt vor Radikalität. Das scheint nicht der Fall zu sein. Also wie kann man die Leute gegen solche Parolen immunisieren? Eine wichtige Rolle spielt da sicher auch die Ironie. Es gibt da eine Untersuchung: Von allen menschlichen Begabungen -haptische, mathematische, musikalische usw. - ist die Ironiebegabung am geringsten verbreitet. Interessant.

Hat "Der Untergang" bewiesen, wie schwer es ist, einen nicht satirischen Hitler-Film zu drehen?

Polt: Als ich den gesehen hab, hab ich gesagt: Wie der untergegangen ist, ist eigentlich uninteressant. Ich finde die Genesis viel interessanter: Wie wird einer zum Hitler? Diese Münchner Zeit ist wirklich interessant.

Baker: Auch die Castingshows waren eine Inspiration für uns. Der Hitler ist damals gewissermaßen ja auch gecastet worden.

Deutschland sucht den Superdiktator?

Baker: Den Gröfaz. Unser Arbeitstitel für den Film war: "Gröfaz -Die Endausscheidung". F

Ab 6.2. in den Kinos


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